Tarifkonflikt bei der Bahn : Funktionäre am Zug

Die Lokführergewerkschaft GDL kämpft für ihre Eigenständigkeit. Am stärksten ist sie in Ostdeutschland.

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Toller Beruf. In West- wie Ostdeutschland genossen die Lokführer einen guten Ruf – und dazu ist die Bezahlung relativ gut.
Toller Beruf. In West- wie Ostdeutschland genossen die Lokführer einen guten Ruf – und dazu ist die Bezahlung relativ gut.Foto: picture alliance / dpa

So kennt man die Lokführer gar nicht. Doch womöglich schätzen sie eine grobe Sprache. Manfred Schell, legendärer Vorsitzende der Gewerkschaft GDL, sprach einst von „einem Kopf und einem Arsch“ – gemeint war der Bahnvorstand und die größte Bahngewerkschaft Transnet („Arsch“), die von der GDL aggressiver angegangen wird als der Klassenfeind. Das hat historische Gründe – und die spielen eine große Rolle im aktuellen Tarifkonflikt. Die GDL ginge lieber unter, als dass sie den Tarifvertrag akzeptierte, den die Bahn und ihre privaten Wettbewerber kürzlich mit der verhassten Konkurrenzgewerkschaft abgeschlossen haben. Ähnlich wie 2007/08, als der große Lokführerstreik das Land lähmte und die Gewerkschaftsszene aufmischte. Damals erkämpften Schells Leute erstmals einen Tarif – gegen den Widerstand von Bahnführung und Transnet.

Der Konflikt zog sich fast über ein Jahr. Heute stehen die ersten Warnstreiks am Ende einer über acht Monate gehenden Verhandlungsstrecke. Am Freitagmorgen stockte der Fern- und Nahverkehr bundesweit. „Eigentlich wollen wir die Fahrgäste gar nicht treffen“, druckste der Schell-Nachfolger Claus Weselsky rum. Das ist nicht einmal gelogen. Am Freitag lag der Streikzeitraum genau zwischen Berufs- und Schul- sowie dem Wochenendverkehr. Die GDL und ihr Chef bemühen sich also um Augenmaß, damit die Stimmung in der Bevölkerung ja nicht gegen sie umschlägt.

Lokführer sind ganz besondere Arbeitnehmer. Jedenfalls bei der Bahn, wo sie als „Funktionselite“ gelten. Im Osten genauso wie im Westen. Mit der Bahnreform verschmolzen 1994 Bundesbahn und Reichsbahn zur Deutsche Bahn AG. Aus dem Lokführer, einst Berufswunsch jedes zweiten Steppkes, war inzwischen mit der Modernisierung des Bahnwesens ein profaner Triebwagenfahrer geworden, wie die Kasseler Politikwissenschaftler Schroeder, Kalass, Greef in ihrer noch unveröffentlichten Studie „Berufsgewerkschaften in der Offensive“ schreiben. „Insbesondere die GDL wehrt sich gegen eine Degradierung der Lokführer zum ,Kraftfahrer der Schiene’.“ Bei der Pflege des berufsständischen Selbstbewusstseins helfen vor allem die Kollegen aus der ehemaligen DDR. Die wurden, ebenso wie in der BRD, gut bezahlt, vor allem wegen der Zulagen. „In der Praxis ging der Lokführer am Monatsende mit mehr Geld nach Hause als der ausgebildete Ingenieur oder der Arzt in der Poliklinik“, schreiben die Politikwissenschaftler.

Die GDL und ihr ostdeutscher Schwesterverband hatten sich 1991 vereinigt – unter der Führung von Manfred Schell. Aufgrund ihrer Struktur mit Ortsgruppen und Bezirken wird vermutet, dass die GDL in Ostdeutschland ihren Organisationsschwerpunkt hat. Darauf deutet auch die Zusammensetzung der Spitze: Seitdem Schell auf Rente ist, bilden neben dem Sachsen Weselsky zwei weitere ostdeutsche Lokführer den GDL-Vorstand.

Über viele Jahrzehnte ließ die GDL im westdeutschen Bahnkonzern das Tarifgeschäft von der GdED respektive der späteren Transnet erledigen. In der Tarifrunde 2002 versuchte Schell erstmals selbst zu agieren. Er sah die Interessen der Lokführer von Transnet vernachlässigt. Aber einen eigenen Tarif lehnte die Bahn damals mit Hinweis auf das Prinzip der Tarifeinheit (Ein Betrieb – ein Tarifvertrag) ab. Und Schell gab nach. Er sei sich nicht sicher gewesen, ob es in Westdeutschland ausreichend streikfähige und -willige Mitglieder gab, schreiben die Kasseler Politologen. Ein paar Jahre später sah das anders aus – es gab inzwischen weniger beamtete Lokführer und mehr Tarifangestellte; nur Letztere dürfen streiken.

Im Sommer 2007, die anderen Bahngewerkschaften hatten bereits einen Tarifabschluss erreicht, schockte die GDL die Bahn-Spitze mit ihrer Lohnforderung von 31 Prozent. Die Prozentzahl musste hoch sein, so das Kalkül Schells, damit reichlich Gewerkschafter bereit wären, dafür in den Arbeitskampf zu ziehen. Eine Schlichtung mit Heiner Geißler und Kurt Biedenkopf scheiterte. Höhepunkt war Mitte November 2007 ein 48-stündiger Streik. Fast nichts fuhr mehr, und im GDL-starken Ostdeutschland brach der Schienenverkehr völlig zusammen.

In Bahnchef Hartmut Mehdorn stand Schell ein kongenialer Sturschädel gegenüber, und so bedurfte es der Vermittlung und des Drucks von Verkehrsminister Wolfgang Tiefensee (SPD), damit die Lokführer erstmals einen eigenen Tarifvertrag bekamen. Am Ende übrigens mit einem Einkommensplus von elf Prozent.

Jetzt wiederholt sich also die Geschichte. Die GDL setzt auf ihre strukturelle Macht, die besondere Stellung im Unternehmen, um für ihre Leute mehr rauszuholen als die geradezu verhasste Konkurrenzgewerkschaft. Schell ist in Rente, Weselsky führt den Streik. Und das große Wort. Den Arbeitgebern wirft er ein „perfides Spiel auf Zeit“ vor und unterstellt ihnen ebenso wie der großen Bahngewerkschaft „kriminelle Energie“. So treibt er die Lokführer in den Arbeitskampf. Aber wie fängt er sie wieder ein?

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