Tarifkonflikt : Die Einsicht reift bei Bahn und Lokführern

Die Bahn und die Lokführergewerkschaft GDL befinden sich in einer Sackgasse. Beide Seiten erklärten sich mit einer Schlichtung einverstanden, um einen Streik am Donnerstag doch noch zu vermeiden. Auch, weil sich der Druck auf alle Beteiligten stetig erhöht.

BerlinVerhärtete Fronten auf beiden Seiten und ein Streik, den niemand will. Für alle Beteiligten wäre der Ausstand am kommenden Donnerstag die schlechteste Option. Die Bahn verliert Kunden, Vertrauen und viel Geld. Die Lokführergewerkschaft GDL riskiert mit einem großflächigen Ausstand jedoch die Zustimmung der Öffentlichkeit für ihre Forderungen. Gleichzeitig scheinen sich beide Parteien in eine Sackgasse manövriert zu haben. Die GDL kann aus diesem Konflikt nicht mehr heraus ohne ihre Kernforderung nach einem eigenen Tarfivertrag zu realisieren. Die Bahn hat sich mit der kategorischen Ablehnung desselben auf der anderen Seite in eine Zwickmühle gebracht. Jetzt soll ein Schlichter den festgefahrenen Streit lösen.

Die Millionen Bahn-Reisenden sollen von dem für vier Stunden angesetzten Streik im Güterverkehr an diesem Donnerstag weitgehend verschont bleiben. "Ziel ist es, die Personenzüge zu 100 Prozent fahren zu lassen", betonte ein Bahn-Sprecher.

Die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) bekräftigte, der Arbeitskampf könne noch vermieden werden, wenn der bundeseigene Konzern die Forderung nach einem eigenen Tarifvertrag erfülle. "Sofort säßen wir wieder am Verhandlungstisch und würden den Streik am Donnerstag absagen", betonte GDL-Chef Manfred Schell. Man würde sich einem "unparteiischen, gegebenenfalls vom Eigentümer Bund vorgeschlagenen Moderator nicht verschließen". Die Bahn begrüßte dies als Schritt in die richtige Richtung. "Es ist noch nicht zu spät. Wir können jetzt noch ins Gespräch kommen", sagte Personalvorstand Margret Suckale. Eine dritte Person könne bei der Lösung schwieriger Probleme helfen.

Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee (SPD) rief Bahn und GDL zu Verhandlungen auf. Er habe mit Bahnchef Hartmut Mehdorn und Schell gesprochen, teilte das Ministerium mit. Beide Seiten sollten sich "der hohen Verantwortung für die Bahnkunden und die Volkswirtschaft insgesamt bewusst sein". Die Bundesregierung als Bahn-Eigentümerin beabsichtige aber nicht, sich "direkt in den Konflikt einzumischen".

GDL will Störungen für Personenverkehr vermeiden

Das Ausmaß des geplanten Streiks und die drohenden Auswirkungen auf die Wirtschaft blieben zunächst weiter offen. Experten rechnen für den schlimmsten Fall mit Schäden in zwei- bis dreistelliger Millionenhöhe täglich. Am ehesten betroffen wären Branchen wie Stahl- oder Autoindustrie, die kaum Ausweichmöglichkeiten haben. Auch europaweit könnten Auswirkungen zu spüren sein. Die Versorgung der Verbraucher soll aber gesichert sein, da Transporte vor allem über die Straße laufen. "Das Haupttransportmittel im Einzelhandel ist der Lastwagen", betonte die Sprecherin des Hauptverbandes des Deutschen Einzelhandels, Ulrike Hörchens. "Wir sind gar nicht betroffen".

Die GDL betonte, Güterzüge sollten am Donnerstag keine Strecken blockieren, sondern in den nächsten Bahnhof gefahren werden. Man könne Auswirkungen für Bahnreisende nicht ausschließen, es komme auf die Bahn an, wie sie die Personenzüge leite. Größere Behinderungen seien im Personenverkehr aber wohl nicht zu erwarten. Auch der Fahrgastverband Pro Bahn rechnet nicht mit "wirklich dramatischen" Beeinträchtigungen für ICE, Intercity oder Regionalzüge.

Auswirkungen auf den Güterverkehr schwer einzuschätzen

Für den Bahn-Güterverkehr seien die Auswirkungen des Streiks schwer einzuschätzen, sagte die Sprecherin der Güterbahn Railion, Tatjana Luther-Engelmann. Man rechne mit Zugausfällen und Verspätungen. Das Unternehmen wolle Lieferverzögerungen möglichst gering halten. Züge mit Gütern, die für die Versorgung wichtig seien, etwa Kohle für Kraftwerke, sollen Vorrang vor anderen erhalten. Unternehmen bereiten sich zum Teil mit einer Verlagerung der Lieferströme auf mögliche Engpässe vor. In Deutschland fahren jeden Tag etwa 5000 Güterzüge mit etwa einer Million Tonnen Fracht.

Railion-Chef Klaus Kremper betonte im Rundfunksender NDR Info, dass allein im Güterverkehr 3400 Lokführer nicht streiken dürften. Man gehe davon aus, dass alle "versorgungsrelevanten Verkehre" am Donnerstag fahren können wenn nicht bundesweit 24 Stunden gestreikt werde. "Das sind immerhin 920 Züge bundesweit."

Wirtschaft warnt vor Millionenschäden

Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) warnte, flächendeckende Streiks im Bahn-Güterverkehr könnten zwei- bis dreistellige Millionenbeträge an täglichen Schäden bedeuten. Das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft in Köln schätzte die möglichen Schäden durch einen Streik der Lokführer auf mehr als 100 Millionen Euro pro Tag. Der Hamburger Senat warnte, ein Lokführerstreik im Hamburger Hafen wäre europaweit zu spüren.

Möglichkeiten für Unternehmen, auf die Straße auszuweichen, sind begrenzt. Ein Umladen der Güter auf Lastwagen ist nicht so einfach, denn "der Transportraum auf der Straße und Fahrer sind knapp", betonte der Deutsche Speditions- und Logistikverband in Bonn. Wegen knapper Ladekapazitäten und des zu erwartenden Anstiegs der Nachfrage rechnet der Geschäftsführer des Verbandes Verkehr und Logistik Berlin und Brandenburg, Gerhard Ostwald, mit Preissteigerungen für Gütertransporte auf der Straße von bis zu 20 Prozent. (mec mit dpa)

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben