Wirtschaft : Tarifkonflikt im Kino

Die IG Metall bläst in Baden-Württemberg zur Werbeoffensive, die Arbeitgeber halten dagegen.

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Die soziale Hängematte gibt es nicht. Die Azubis wollen unbefristet übernommen werden, und die IG Metall mobilisiert mit dieser Forderung in diesen Tagen ihre jungen Mitglieder zu Warnstreiks, wie hier bei der Peene-Werft in Wolgast. Foto: dpa
Die soziale Hängematte gibt es nicht. Die Azubis wollen unbefristet übernommen werden, und die IG Metall mobilisiert mit...Foto: dpa

Berlin - Drei Gestalten tapern durch Dunkelheit und Nachtnebel, aus dem Off beschreibt eine Stimme das Elend: Leiharbeit, befristete Verträge, prekär arbeitende Jugendliche. Eine Szene aus Baden-Württemberg im 21. Jahrhundert. Die Figuren tragen Masken, die den Betrachter „an den Schrei von Edvard Munch erinnern und an die Guy-Fawkes-Maske der Globalisierungsgegner“. Dick aufgetragen sei das alles, seufzt der Mann aus dem Arbeitgeberlager, der sich in diesen Wochen mit der IG Metall rumzuschlagen hat. Und die zeigt sich und ihre Power. Mit jenem Spot, der in 300 baden-württembergischen Kinos läuft, mit Großplakaten an jeder zweiten Ecke in der Stuttgarter Innenstadt, mit „Bürgerflugblättern“ und einem Flugzeug mit Banner im Schlepptau: „Mehr  Geld für faire Arbeit“. Die Öffentlichkeit wird agitiert im Streit um Geld und Mitbestimmung.

Der Tarifkonflikt in der Metallindustrie nähert sich so langsam dem Höhepunkt. Am 8. Mai wird wieder verhandelt in Stuttgart, wo vermutlich der Pilotabschluss für die 3,6 Millionen Metallbeschäftigten in ganz Deutschland gemacht wird. Noch nicht in der kommenden Woche, aber auf jeden Fall vor Pfingsten – andernfalls wird aus läppischen Warnstreiks ein richtiger Arbeitskampf. Den will aber keiner. Um die Kompromissbereitschaft der Arbeitgeber zu fördern, wirbt die IG Metall großflächig für ihre Forderungen: 6,5 Prozent mehr Geld, unbefristete Übernahme von Azubis, mehr Mitbestimmung für Betriebsräte beim Einsatz von Leiharbeitern. Alles in allem gibt die Gewerkschaft „einen hohen sechsstelligen Betrag“ für die Kampagne „Mehr + Fair“ aus.

„Ein paar Hunderttausend“ hat der regionale Widerpart der IG Metall, der Arbeitgeberverband Südwestmetall, in eine zwölfseitige Broschüre und deren Verbreitung im Ländle investiert. „Sorry, IG Metall – Aber Zukunft geht anders...“, teilen die Arbeitgeber mit und erläutern ihr bisheriges Angebot: Drei Prozent mehr Geld bei einer 14-monatigen Laufzeit des Vertrags, keine Zugeständnisse bei Azubi-Übernahme und Mitbestimmung.

Das ist nur ein erstes Angebot, keine Frage. Am Ende wird eine Vier vor dem Komma stehen und es auch neue Regeln für Azubis und Zeitarbeiter geben. Derzeit wird auch zwischen den Verhandlungsterminen eifrig geredet und an Lösungswegen gearbeitet. Man kennt sich, man schätzt sich nach vielen Tarifrunden, Konflikten und Kompromissen, und so wird auf der Arbeitsebene in diesen Tagen eine Lösung ausgetüftelt, der Arbeitgeberpräsident Martin Kannegiesser und IG-Metall-Chef Berthold Huber in der letzten langen Nacht ihren Segen geben. Diese Nacht wird vermutlich am 15. Mai sein. Wenn die Tarifpartner dann noch nicht so weit sind, gibt es einen weiteren Versuch eine Woche später. Dann ist die Zeit aber auch reif – oder die IG Metall ruft zur Urabstimmung über einen unbefristeten Arbeitskampf. Zu einem Zeitpunkt, an dem die Auslastung der Konjunktur im Fahrzeug- und Maschinenbau ordentlich Schwung hat.

„Die IG–Metall-Drohung eines harten Arbeitskampfs ist unverantwortlich“, schimpfen die Arbeitgeber. Aber für Frieden werden sie zahlen müssen, nachdem die Geschäfte der Firmen 2011 glänzend liefen und die Einkommen der Metaller deutlich hinter den Gewinnen und Dividenden zurückblieben. Das treibt schon jetzt, in der Warnstreikphase, die Metaller vor die Tore. „Viele Leute sind dabei, die sonst nicht dabei sind“, heißt es bei der IG Metall. In dieser Woche haben nach Angaben der Gewerkschaft rund 300 000 Arbeitnehmer kurzzeitig die Arbeit ruhen lassen. Allein am Freitag waren es mehr als 100 000. Mit mehr als 30 000 Streikenden lag Baden-Württemberg vorn; in Berlin, wo die IG Metall wegen der dünnen Industrieausstattung relativ schwach ist, beteiligten sich rund 700 Beschäftigte bei vier Otis-Betrieben, der ZF-Lenksysteme GmbH und bei MAN Diesel & Turbo an Arbeitsniederlegungen. Werbespots werden die Berliner Kinobesucher so bald nicht zu sehen kommen. Die Musik in der Tarifpolitik spielt da, wo die Industrie und die IG Metall stark ist: im Süden oder im Westen.

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