Tarifkonflikt in der Metallindustrie : „Wir wollen Geld und Gerechtigkeit“

Detlef Wetzel, Zweiter Vorsitzender der IG Metall, über die heiße Phase des Tarifkonflikts, mehr Demokratie und den Verhandlungspoker der Arbeitgeber.

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„Die pokern extrem hoch“, sagt Wetzel über die Arbeitgeber. In zwei Wochen steht fest, ob es einen Arbeitskampf gibt. Foto: dapd Foto: dapd
„Die pokern extrem hoch“, sagt Wetzel über die Arbeitgeber. In zwei Wochen steht fest, ob es einen Arbeitskampf gibt. Foto: dapdFoto: dapd

Herr Wetzel, was spricht gegen drei Prozent mehr Geld?

Auf zwölf Monate gerechnet sind das nur knapp 2,6 Prozent. Das ist weit weg von 6,5 Prozent. Die Arbeitgeber platzieren so ein Angebot ja unter taktischen Gesichtspunkten. Sie wollten genau die Reaktion hervorrufen, die Sie jetzt gezeigt haben: „Das ist ja gar nicht so unverschämt niedrig.“ Das ist es auch nicht. Aber es ist unverschämt unzureichend, gemessen an dem, was die Menschen verdient haben.

Haben die Arbeitgeber verstanden, dass nach dem 3,5-Prozent-Abschluss im öffentlichen Dienst in der Metallindustrie eine Vier vor dem Komma stehen muss?

Ich habe die Befürchtung, dass die Arbeitgeber noch gar nicht verstanden haben, um was es in dieser Tarifbewegung geht. Natürlich wissen sie, dass sie ihr Angebot erhöhen müssen. Aber sie nehmen offenbar nicht ernst, dass wir die unbefristete Übernahme nach der Ausbildung und das Thema Mitbestimmung beim Einsatz von Leiharbeitnehmern sehr ernst nehmen. Dazu haben sie nichts vorgelegt.

Also ist es leichter, einen Kompromiss beim Geld zu finden als bei den letztgenannten Punkten?

Wir machen nur einen Tarifabschluss, der akzeptable Lösungen für alle drei Forderungen umfasst. Alle drei Forderungen sind gleich bedeutend.

Der Facharbeiter will nach mageren Jahren vor allem Geld.

Unterschätzen Sie die Belegschaften nicht. Die wollen mehr Geld und mehr Gerechtigkeit. In den Betrieben wird nicht akzeptiert, wie schlecht die Leiharbeiter behandelt und bezahlt werden. Und es gibt ein ganz starkes Bewusstsein in unseren Belegschaften, dass man etwas für die junge Generation tun muss.

Wenn die Leiharbeit verteuert und eingeschränkt wird, verliert damit ein Flexibilisierungsinstrument an Attraktivität. Könnte eine Kompensation so aussehen, dass die Arbeitszeit der Stammbelegschaften flexibler gehandhabt wird?

Wir haben tarifvertraglich schon längst eine weitreichende interne Flexibilisierung geschaffen – das war eine wesentliche Grundlage für die Bewältigung der Krise 2008/2009. Die Arbeitgeber haben immer behauptet, sie bräuchten Leiharbeit zur Flexibilisierung. Warum sträuben sie sich dann gegen eine bessere Bezahlung der Leiharbeit?

Was meinen Sie?

Sie verteidigen nicht die Flexibilisierung, sondern das Privileg, einen Teil der Beschäftigten zu schlechten Bedingungen zu beschäftigen. Wir sind ja nicht gegen Leiharbeit. Wir wollen den Missbrauch eindämmen. Es wird künftig schwieriger für Firmen, 20, 30 oder 40 Prozent der Belegschaft mit schlecht bezahlten Leiharbeitnehmern zu besetzen.

Mit der Mitbestimmung bei der Leiharbeit und der Azubiübernahme greifen Sie in die Personalhoheit der Firmen ein.

Die Zeit der Könige und der Fürsten ist vorbei. Es gibt ja schon Mitbestimmungsrechte auf Basis des Betriebsverfassungsgesetzes, die in die Alleinverfügungsgewalt der Unternehmen eingreifen. Das gehört zur Demokratie. Wir haben jetzt ein neues gesellschaftliches Problem, die Ausweitung und der Missbrauch der Leiharbeit, und das versuchen wir unter anderem durch den Einsatz von Mitbestimmung zu lösen. Ein Betriebsrat kann heute mitbestimmen bei der Einstellung eines Arbeitnehmers, aber nicht beim Ob und Wie des Einsatzes von Leiharbeitnehmern. Das wollen wir ändern, denn in der Demokratie ist es üblich, dass nicht nur einer bestimmt.

Gibt es bis Pfingsten einen Kompromiss?

Außer Spesen ist bis jetzt nichts gewesen. Es gab keine Bewegung bei den Arbeitgebern, und damit gibt es keinen Anlass zum Optimismus. Da wird ganz hoch gepokert nach dem Motto, der Erste, der sich bewegt, hat verloren. Ich bin sehr stark beunruhigt.

Ihre Unruhe gehört zum Poker dazu.

Es ist eine ganz ungewöhnliche Tarifrunde. Das habe ich so noch nicht erlebt: Monatelang wird verhandelt, und es tut sich kein Lösungskorridor auf. Ich habe den Eindruck, dass die Arbeitgeber bisher nicht bereit sind, tatsächlich zu verhandeln. Sie pokern extrem hoch.

Wie wollen Sie es der Öffentlichkeit vermitteln, wenn Sie demnächst ein Arbeitgeberangebot von mehr als vier Prozent ablehnen und in den Arbeitskampf ziehen?

Die IG Metall ist keine Lohnmaschine. Wir haben Ansprüche darüber hinaus. In den emotionalsten und heftigsten Tarifauseinandersetzungen ging es nie allein um Geld, sondern immer auch um qualitative Forderungen. Und diese Forderungen haben bei uns eine große Mobilisierungskraft. Wer darauf spekuliert, uns diese Forderungen abkaufen zu wollen, der wird sich furchtbar verspekulieren.

Das Gespräch führte Alfons Frese.

Der Siegerländer Detlef Wetzel (59) ist der wichtigste Modernisierer der IG Metall. In der Funktion als zweiter Vorsitzender hat er an der Seite von Berthold

Huber in den vergangenen Jahren die Vorstandszentrale umgekrempelt. Wenn Huber im Herbst 2013 zurücktritt, ist Wetzel als Nachfolger gesetzt. In der aktuellen Tarifrunde fordert die IG Metall 6,5 Prozent mehr Geld, die unbefristete Übernahme von Azubis sowie mehr Mitbestimmung beim Einsatz von Leiharbeit.

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