Tarifkonflikt : Lufthansa zieht gegen Piloten vor Gericht

UPDATE Schon am ersten Tag des Piloten-Ausstands kann die Lufthansa den angekündigten Sonderflugplan für Berlin nicht einhalten. Die Airline geht nun gerichtlich gegen den Streik vor.

H. Mortsiefer[J. Guthke],H. Heine[J. Guthke],J. Haase
Tegel Lufthansa Streik Piloten
Pilotenstreik: Ein Mitarbeiter langweilt sich am Check-In-Schalter auf dem Flughafen Tegel. -Foto: dpa

Berlin/DüsseldorfDie Pilotenvereinigung Cockpit macht ihre Drohungen wahr und legt große Teile des Lufthansa-Flugverkehrs lahm. Die Fluggesellschaft reagiert mit gerichtlichen Schritten: Beim Arbeitsgericht Frankfurt reichte sie einen Antrag auf einstweilige Verfügung ein, wie Lufthansa-Sprecher Andreas Bartels sagte. Der Streik sei unverhältnismäßig. Lufthansa sei verpflichtet, Schaden von Unternehmen, Mitarbeitern und Aktionären abzuwenden.

Seit Mitternacht sind rund 4000 Piloten zum Streik aufgerufen. An den größten deutschen Flughäfen in Frankfurt, Düsseldorf, München, und Hamburg fielen schon am Montagmorgen zahlreiche Flüge aus, auch die Berliner Flughäfen Tegel und Schönefeld sind betroffen. Die Lufthansa wollte nach bisherigen Planungen bundesweit ein Drittel der Flüge streichen, ein Ersatzflugplan soll insgesamt 400 Flüge sichern. Bei der Lufthansa-Tocher Germanwings fliegen am ersten Streiktag bundesweit 120 von sonst 160 Flügen - zum Teil mit angemieteten Maschinen anderer Airlines, wie Unternehmenssprecher Heinz Joachim Schöttes Tagesspiegel Online sagte. Betroffen seien insgesamt zwischen 60.000 und 70.000 Fluggäste.

"Die Crew tauchte einfach nicht auf"

In Berlin konnte die Lufthansa am ersten Streiktag den angekündigten Sonderflugplan nicht einhalten. Statt der erwarteten 28 Flüge würden am Montag letztendlich nur etwa 25 Flieger starten, sagte Lufthansa-Sprecher Wolfgang Weber Tagesspiegel Online. Es könnten auch 26 werden, so genau lasse sich das nicht sagen. "Betroffen sind vor allem unsere wichtigsten Strecken nach Frankfurt und München", erklärte Weber. In Richtung Frankfurt hob nur eine einzige Maschine ab, der geplante Flug nach München fiel aus, weil "die Crew einfach nicht auftauchte". Von den sonstigen 4500 Fluggästen seien etwa 3000 von dem Streik betroffen, schätzte Weber.

Lufthansa Streik
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22.02.2010 12:4222.02.2010: Die Piloten der Lufthansa streiken - und sorgen damit für Chaos im Luftverkehr. -


Dennoch gab es in Tegel am Montagmorgen keine chaotischen Szenen, die Fluggäste waren offenbar gut vorbereitet. Auch die Passagiere der ausgefallenen Maschine nach München konnten schnell an den Schaltern umgebucht werden. Statt der regulären 70 Flüge starten nach Lufthansa-Angaben in Tegel nur 25 Flüge. Von den 18 Schönefeld-Flügen der Lufthansa-Tochter Germanwings starten nach Unternehmensangaben am Montag zwölf.

Bahntickets gibt es am Flughafen

Auch in Schönefeld blieb es am Montagmorgen ruhig, von einem Chaos konnte keine Rede sein. Die Fluggäste wurden bereits in der vergangenen Woche per SMS über die Ausfälle informiert, wie einige Passagiere berichteten. Für schlechte Laune sorgten jedoch die langen Wartezeiten bei der völlig überlasteten Hotline des Flugunternehmens. Doreen R. etwa konnte ihren Flug nach München telefonisch umbuchen - hing dabei allerdings eine halbe Stunde in der Warteschleife, wie sie erzählte. Die Altenpflegerin aus Potsdam zeigte Verständnis für das Anliegen der Streikenden: "Es ist aber blöd, wenn es Leute trifft, die nichts dafür können." Verärgert reagierte Stefanie G.: Sie hatte seit Donnerstag mehrere Male versucht, Informationen über ihren stornierten Flug nach Stuttgart zu bekommen - vergeblich, wie sie berichtet. Ihre Umbuchung habe sie schließlich online vorgenommen, allerdings hätte sich am späten Sonntagabend herausgestellt, dass auch der neue Flug ausfällt. "Das regt mich richtig auf", schimpfte sie.

Stefanie G. stieg ersatzweise auf die Bahn um, musste am Montagmorgen aber trotzdem zum Flughafen, um dort ihr Bahnticket abzuholen. Dieses Prozedere sei umständlich, räumte Germanwings-Sprecher Schöttes auf Anfrage ein. Es sei aber notwendig, damit das Unternehmen den Überblick behalte und Passagieren zunächst auf alternative Flüge umbuchen könne. Stefanie G. kommt nun insgesamt mehr als vier Stunden später an als geplant.

Zusätzliche Züge bei der Bahn

Die Deutsche Bahn reagierte auf den Streik und setzt zusätzliche Züge ein. Ein Zugpaar fährt zwischen Köln und Berlin, ein weiteres zwischen Hamburg und Berlin und zurück, teilte die Bahn mit. Zusätzliche Kapazitäten würden zwischen München-Hannover/Hamburg und Hamburg/Hannover-München angeboten. Flugreisende können ein Bahnticket für die identische Strecke bei der Bahn kaufen und später gemeinsam mit einem Beleg über das-Flugticket von der Lufthansa erstatten lassen. Auskünfte über die noch zur Verfügung stehenden Plätze in den Zügen gibt es telefonisch unter 0180/5 99 66 33 oder im Internet.

Der Streik wird nach Schätzungen des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI) und der Lufthansa Millionenschäden anrichten. Fachleute warnen hingegen vor übertriebenen Befürchtungen. Die Notflugpläne, das Angebot anderer Fluggesellschaften sowie die Zugverbindungen der Bahn böten Reisenden zahlreiche Ausweichmöglichkeiten.

Die Pilotenvereinigung Cockpit (VC) teilte indes am Sonntagabend mit, sie sei bereit, einen Streitpunkt auszuklammern. Man habe der Lufthansa angeboten, die Frage gerichtlich klären zu lassen, ob der Konzerntarifvertrag auch im Ausland angewendet werden kann, sagte ein VC-Sprecher. Die Lufthansa reagierte ablehnend: Damit sei keine neue Verhandlungssituation eingetreten, sagte eine Unternehmenssprecherin. Die Vereinigung müsse ihren Forderungskatalog fallen lassen und ohne Vorbedingungen in neue Verhandlungen gehen. In dem genannten Punkt geht es darum, ob Piloten der Tochter Lufthansa Italia wie ihre deutschen Kollegen bezahlt werden müssen. Die Lufthansa lehnt das ab. „Ich gehe fest davon aus, dass wir morgen streiken müssen“, sagte  ein VC-Sprecher am Sonntagabend.

Bahn erwartet nur wenig mehr Kunden

Die Bahn rechnet aber nicht mit einem Chaos auf ihren Strecken. „Es wird erwartet, dass die Zahl an Fluggästen, die auf Züge ausweichen werden, im Vergleich zur Zahl der täglichen Bahnkunden relativ gering ist“, erklärte die Deutsche Bahn vor dem Wochenende. Auf dem Berliner Hauptbahnhof war es am Montagmorgen tatsächlich ruhig. Selbst in den regulären Zügen nach München gab es etliche freie Plätze. Es sei "nicht mehr los", bestätigte auch ein Taxifahrer vor dem Bahnhof.

Allein im Fernverkehr mit ICE- und IC-Zügen transportiert die Bahn pro Tag 330 000 Fahrgäste, den größten Teil von täglich sieben Millionen Bahnfahrern ansonsten im Nah- und Regionalverkehr. Die Rennstrecken in der Luft sind ohnehin nicht unbedingt identisch mit denen der Schiene. So sind die Flugverbindungen Hamburg–Berlin und Rheinland–Rhein-Main-Gebiet, von wenigen Zubringern zwischen Düsseldorf und Frankfurt abgesehen, seit Jahren eingestellt, weil die ICEs schneller sind. Folglich kann der Streik auf diesen Routen kaum zu nennenswertem zusätzlichen Verkehrsaufkommen auf der Schiene führen. Anders ist die Situation bei den typischen Flugstrecken wie von Berlin nach Düsseldorf/Köln, Frankfurt oder München sowie auf den Nord-Süd-Verbindungen von Frankfurt oder München nach Hamburg. Doch auch hier liegen die Kapazitäten der Bahn im Regelfall deutlich höher als die Zahl der erwarteten Umsteiger. Zudem werden die Fernstrecken meist im Stundentakt bedient. Sollten dennoch mehr Reisende vom Flug- zum Bahnsteig wechseln als das Angebot verkraftet, will die Bahn zusätzliche Züge einsetzen.

Der am Freitag veröffentlichte Sonderflugplan der Lufthansa sieht vor, dass viele Maschinen dennoch starten. Auch die Billigtochter Germanwings will zwei Drittel ihrer Verbindungen bedienen. Die Schweizer Fluggesellschaft und Lufthansa-Tochter Swiss will 15 bis 20 Prozent an zusätzlichen Kapazitäten für Flüge von und nach Deutschland zur Verfügung stellen. Lufthansa bucht außerdem viele Flüge auf den Wettbewerber Air Berlin um. In Berlin sind die beiden Flughäfen Tegel und Schönefeld betroffen. Für Montag plante die Lufthansa in Tegel 28 von den sonst täglich 70 Abflügen.

Die Industrie befürchtet Schäden für die Exportnation Deutschland. Für einen Streik müsste Deutschland einen hohen Preis zahlen, hatte BDI-Präsident Hans-Peter Keitel bereits in der „Bild am Sonntag“ gewarnt.

Billigflieger hoffen auf ein gutes Geschäft

Ein Tariffrieden auf deutschen Flughäfen ist aber nicht in Sicht. In einer Woche verhandelt die Gewerkschaft Verdi für 50 000 am Boden beschäftigte Lufthansa-Mitarbeiter. Einige von ihnen – etwa die Techniker am Münchner Flughafen – gelten als besonders kämpferisch. Auch hier will man eine Arbeitsplatzgarantie erzwingen. Ebenfalls im März verhandeln die Flugbegleiter mit der Lufthansa. Deren Stewardessen sind mehrheitlich in einer dritten Gewerkschaft organisiert – der Unabhängigen Flugbegleiterorganisation (Ufo). „Wir verlangen, dass nicht nur die Zeit im Flugzeug als Arbeitszeit anerkannt wird“, sagte Ufo-Tarifexperte Joachim Müller dem Tagesspiegel. „Auch am Boden haben unsere Mitglieder genug zu tun.“ Während deutsche Kapitäne monatlich bis zu 18 000 Euro brutto bekommen, erhält eine Stewardess oft nicht mehr als 2000 Euro brutto.

Auf gute Geschäfte hoffen die Billigflieger, die vom Lufthansa-Streik profitieren wollen. Allerdings steht Easyjet selbst vor einem möglichen Arbeitskampf. Verdi hatte am Donnerstag zum Warnstreik in Berlin gerufen. Hintergrund ist ein Streit um 300 Berliner Easyjet-Mitarbeiter: Die britische Firma verweigere den Beschäftigten eine hierzulande übliche Interessenvertretung. mit ek, jkn, HB, vis, jas, jmi

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