Wirtschaft : Tarifparteien auf der Einbahnstraße

ALFONS FRESE

Die Kritik der Bundesbank an den diesjährigen Tarifabschlüssen ist berechtigt - und dennoch zu undifferenziert.Als Richtgröße für eine "vernünftige" Lohnererhöhung gilt die Produktivitätssteigerung.Deshalb kann der Böblinger Metall-Pilottarif von den baden-württembergischen Unternehmen auch gezahlt werden; in anderen Regionen, zumal in anderen Branchen, ist das schon schwieriger.Und das ist die Angriffsfläche, die das deutsche Tarifvertragswesen bietet: Es ist zu starr, nur langsam akzeptieren alle Gewerkschaften, daß "die Tarifpolitik auf veränderte Rahmenbedingungen eingehen muß", wie es der IG Chemie-Chef Hubertus Schmoldt formuliert.

Doch nun gibt es Signale aus der IG Metall, der größten, mächtigsten und schwerfälligsten Gewerkschaft weit und breit.Ausgerechnet der Hardliner Jürger Peters bringt das Instrument ertragsabhängiger Lohnbestandteile in die Debatte.In seiner Funktion als IG Metall-Vize ist Peters bislang eher in der Pose des Klassenkämpfers aufgefallen und hat dabei vergessen lassen, daß er durchaus für Innovationen gut ist: die Vier-Tage-Woche bei VW hat Peters mit ausgehandelt.Der aktuelle Vorstoß des Zwickel-Vize ist vielversprechend, aber unzureichend.Wenn die Höhe des Weihnachtsgeldes zum Teil von der Ertragslage der Firmen abhängen soll, dann macht das nur Sinn mit Schwankungen nach beiden Seiten: Es muß mehr, es muß aber auch weniger drin sein.Peters will Bewegung nur nach oben, also einen "Mindestsatz" Weihnachtsgeld festschreiben und bei guten Gewinnen draufsatteln.Auf dieser Einbahnstraße können die Arbeitgeber nur unter einer Bedingung mitfahren: Der Mindestsatz wird reduziert, gleichzeitig verabreden die Tarifparteien, nach welchen Kriterien und in welcher Höhe die Beschäftigten am Unternehmensgewinn beteiligt werden.

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