Wirtschaft : Tarifpolitik: Chemie-Konzerne sprechen von Abschluss mit Augenmaß

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Während sich die Situation in der deutschen Metallindustrie zuspitzt, wird der Tarifabschluss in der Chemie nicht von allen Verbänden gutgeheißen. Die Tarifparteien hatten sich am Donnerstag unter anderem auf Lohnerhöhungen von 3,3 Prozent und ein flexibles Weihnachtsgeld geeinigt.

Insbesondere der Einzelhandel warnte am Freitag, der Tarifabschluss in der chemischen Industrie sei Gift für die Konjunktur. Die Beschäftigten wüssten, dass der Abschluss zu hoch sei, und zu weiteren Personaleinsparungen führen werde, sagte ein Sprecher des Hauptverbandes des Deutschen Einzelhandels (HDE). Der HDE erwarte daher keine Steigerung der Konsumnachfrage, sondern allenfalls eine Erhöhung der Sparquote. Auch der Handelsverband BAG sieht in dem Abschluss kein Modell für andere Branchen. Umsatzeinbrüche und generell die sehr kritische wirtschaftliche Situation des Einzelhandels erforderten eine äußerst zurückhaltende Tarifrunde. Einen "Luxusabschluss" sieht der frühere Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI), Hans-Olaf Henkel, in der Einigung. Der Abschluss sei nicht geeignet, die Arbeitslosigkeit zu bekämpfen, sagte Henkel im ZDF. "Allgemeine Meinung auch der Wirtschaftswissenschaftler war, dass man nicht über drei Prozent gehen darf und wenn wir drüber gehen, tun wir nichts für die Arbeitslosen."

Beim Berliner Pharmakonzern Schering sprach man hingegen von Augenmaß, das beide Tarifparten gezeigt hätten. Der Abschluss liege sicherlich an der oberen Grenze, aber "besser ein schnelles Ergebnis an der Oberkante der Belastbarkeit als ein langer Prozess von Tarifverhandlungen, die sich über Wochen und Monate hinziehen", sagte ein Sprecher. Zu der vereinbarten Flexibilisierung der Jahresleistung müsse man erst die Details kennen. Schering habe bereits ein flexibles System. Bisher sei in der Regel ein zusätzliches Monatsgehalt gezahlt worden. Unter den Tarifvertrag fallen bei der Schering AG 8005 Mitarbeiter, davon 6041 in Berlin.

Positive Reaktionen kamen auch von den Chemiekonzernen Bayer, BASF und Degussa. Es sei gelungen, in schwierigem Umfeld einen Kompromiss für einen chemiespezifischen, tragfähigen Abschluss zu finden, so Bayer-Personalleiter Wolfgang Böckly. Es sei die "Obergrenze des Gestaltbaren" erreicht, hieß es bei BASF. Unter Berücksichtigung der wirtschaftlichen Gegebenheiten sei der Abschluss gerade noch vertretbar. Die Kostenbelastungen habe man bei BASF noch nicht errechnet, sagte ein Sprecher. Bei der BASF AG in Ludwigshafen arbeiten derzeit rund 39 000 Personen, rund 33 000 von ihnen fallen unter den Tarifvertrag. Seit Jahren zahlt der Ludwigshafener Konzern bereits eine freiwillige flexible Erfolgsprämie, die sich nach der Gesamtkapitalrendite richtet. Der Personalvorstand des Düsseldorfer Chemiespezialisten Degussa, Thomas Schoeneberg, sprach von einem vernünftigen Abschluss.

Nach Ansicht des Verbandes der Nordostchemie ist der Abschluss für die Chemieindustrie im Westen eine gute Basis für die gesonderten Tarifverhandlungen für die rund 30 000 Beschäftigten im Osten. Schon in der Vergangenheit sei eine Reihe von West-Regelungen übernommen worden. "Und wir haben im Osten immer ein Stückchen mehr getan als im Westen und uns so in Richtung Angleichung bewegt", sagte Hauptgeschäftsführer Rolf Siegert.

Die IG Bergbau Chemie Energie (IG BCE) erneuerte vor der zweiten Verhandlungsrunde am Dienstag die Forderung nach einer Angleichung der Entgelte an das Westniveau bis 2007. Zurzeit liegen die Entgelte im Osten bei etwa 85 Prozent des Westniveaus. Bei der Berlin Chemie geht man davon aus, dass die Tariferhöhung für die Ost-Bezirke übernommen wird. Wesentlicher Verhandlungspunkt sei die Schnelligkeit der Angleichung des Niveaus, sagte ein Sprecher. Bei der Berlin Chemie arbeiten in Berlin rund 800 Personen.

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