Wirtschaft : Tarifrunde 2002: "Wir erlauben uns keine Kampfrituale für Funktionäre"

Herr Kannegiesser[die IG Metall hat mit fläc]

Martin Kannegiesser (60) ist seit eineinhalb Jahren Präsident des Arbeitgeberverbandes Gesamtmetall. Gleichzeitig leitet er seine Firma in Vlotho, die zu den führenden Wäscherei- und Bügelmaschinenunternehmen der Welt gehört. Kannegiesser ist ein erfahrener Tarifpolitiker, der als Vertreter einer moderaten Linie im Arbeitgeberlager gilt: Vor zwei Jahren vereinbarte er mit dem damaligen nordrhein-westfälischen IG-Metall-Chef und heutigen NRW-Arbeitsminister Harald Schartau den Pilotabschluss in der Metallindustrie. Für diese Tarifrunde hat er bereits im Vorfeld angekündigt, dass die Arbeitgeber ihre Waffe im Arbeitskampf, die Aussperrung, nicht anwenden werden. Sein versöhnlicher Kurs stößt bei einigen ostdeutschen Arbeitgeberverbänden auf Skepsis.

Herr Kannegiesser, die IG Metall hat mit flächendeckenden Warnstreiks die heiße Phase der Tarifrunde eingeläutet. Warum haben Sie schon aufgegeben?

Wir haben nicht aufgegeben.

Sie wollen auf die Aussperrung verzichten. Da können Sie sich den Abschluss doch gleich von der IG Metall schicken lassen.

Das sehen wir ganz anders. Wir wollen Konflikte in einer anderen Form austragen. Arbeitskämpfe nach dem Motto "Maximale Störung der Produktion, Maximale Störung der Betriebe" funktionieren nicht mehr. Deshalb werden wir nicht aussperren. Die Vernetzung unserer Wirtschaft und die Verletzlichkeit der einzelnen Unternehmen ist inzwischen so groß, dass wir Arbeitsausfälle nicht mehr verkraften.

Die IG Metall sieht das anders.

Wer dieses Land jetzt in einen Arbeitskampf stürzt, beschädigt die Glaubwürdigkeit beider Tarifpartner. Es kann einfach nicht mehr angehen, dass einzelne Gruppen, mögen sie noch so mächtig sein, Schäden anrichten, die in keinem Verhältnis zu dem Ergebnis stehen, das sie erreichen können.

Was wollen Sie tun, um Warnstreiks und einen Arbeitskampf zu verhindern?

Unsere Unternehmen wollen keinen Arbeitskampf mehr, weder die Arbeitnehmer noch die Arbeitgeber. Das passt nicht mehr in die Kultur, die wir in den letzten Jahren aufgebaut haben. Die ist partnerschaftlich. Wenn die Gewerkschaft meint, dass der Streik nach wie vor ein Mittel ist, um Druck aufzubauen, dann bedient sie nicht die aktiven Belegschaften. Wir sind die Branche in Deutschland, die Hochtechnologie macht - und wir werden uns keine Kampfrituale für Funktionäre erlauben. Ich bin sicher, dass in dieser Tarifrunde in vielen Unternehmen die Beschäftigten nicht streiken werden.

Wie teuer ist denn ein Lohnprozentpunkt in der Metallindustrie?

Ein Prozent macht rund 1,6 Milliarden Euro.

Und wie viel produzieren Sie am Tag?

In unserer Branche geht es an jedem Arbeitstag um 2,5 Milliarden Euro an Wertschöpfung.

Und dafür riskieren Sie die Wette, dass die Arbeitnehmer nicht streiken werden?

Es geht doch nicht um die Belastung, die wir einmal ausgeben oder einmal sparen. Es geht darum, dass künftige Kostenstrukturen aufgebaut werden, die wir nicht mehr wegbekommen.

Haben Sie den Eindruck, dass die IG-Metall-Spitzen das beeindruckt?

Ich sehe nur, dass sich die Strukturen verändern. Dass die Gewerkschaft weiter rapide an Mitgliedern verliert. Dass die Bindungskraft der Tarifverträge auf beiden Seiten abnimmt. Dass die Schamgrenze, einen Tarifvertrag zu verletzen, auf beiden Seiten abgenommen hat. Das sehe ich.

Nimmt denn die Tarifflucht wieder zu?

Das ist heute längst nicht mehr so ein spektakulärer Prozess wie noch vor sechs, sieben Jahren. Inzwischen haben alle unsere Landesverbände einen Tochterverband, der dieselben Leistungen bietet, aber die Tarifbindung nicht vorschreibt. Und fast alle Verbände haben sehr kurze Kündigungsfristen.

Sie drohen der IG Metall mit Massenaustritt?

Nein, das ist keine Drohung. Der Austritt und die Mitgliedschaft in einem Arbeitgeberverband ohne Tarifbindung ist die betriebliche Praxis, die jetzt schon regional und in den einzelnen Zweigen der Metallindustrie sehr unterschiedlich genutzt wird. Im Osten mehr als im Westen. in Bayern mehr als in Baden-Württemberg.

Und da haben die moderaten Abschlüsse der letzten Jahre nicht geholfen?

Doch. Allgemein hat in den letzten Jahren die Bereitschaft, im Tarifverbund zu bleiben, zugenommen. Das hat sicher mit den Abschlüssen zu tun, die wir gemeinsam zu Stande gebracht haben. Aber die Mitglieder stehen nicht mehr in Treue fest zum Verband. Wenn der Vertrag nicht mehr passt, dann wird er eben modifiziert.

Ist ein gemeinsamer Entgeltrahmentarifvertrag für Angestellte und Arbeiter (ERA), den sie auch verhandeln wollen, vernünftig?

Ja, und deshalb wollen jetzt beide Seiten den Einstieg in ERA verhandeln, obwohl wir am Anfang sehr skeptisch waren. Oder besser, beide Seiten wollen einen Einstieg.

Ist das teuer?

Wir müssen es hinbekommen, dass ERA im Großen und Ganzen kostenneutral ist. Alles, was Geld kostet, müssen wir vom Verteilungsspielraum bei Lohn und Gehalt abziehen. So weit sind wir uns mit der Gewerkschaft einig. Jetzt werden wir verhandeln, wie beide Seiten die tatsächliche Belastung sehen. Da erwarten wir in dieser Woche von der Gewerkschaft etwas Konkretes.

Aber niemand versteht ERA.

Es geht darum, dass Arbeiter und Angestellte oft dasselbe tun, dafür aber unterschiedlich bezahlt werden. Es geht darum, dass Angestellten-Tätigkeiten zum Teil in unseren Unternehmen zu hoch, gewerblich-technische Fähigkeiten aber zu niedrig eingestuft werden. Unsere Arbeiter sind heute Spezialisten, werden aber nach demselben Wertigkeitsmuster entlohnt wie vor dreißig Jahren. Das wollen wir beenden. Kompliziert ist, ein gerechtes System zu schaffen, das zudem nicht mehr kostet.

Sie wollen uns nicht erzählen, dass die IG Metall mit Ihnen über Lohnkürzungen für Angestellte redet.

Wir reden bei ERA über eine grundsätzlich neue tarifliche Bewertung von Arbeitsplätzen und eine Veränderung der bisherigen tariflichen Wertigkeiten von Arbeiter- und Angestelltentätigkeiten. Viele Tätigkeiten werden aufgewertet, andere verlieren im Tarifsystem an Wertigkeit. Bei diesen Gruppen geht es um den Bestandsschutz bei den Einkommen. Beides, die Höherbewertung und der Bestandsschutz, verursachen zusätzliche Kosten. Diese Kosten dürfen nicht dazu führen, dass der Betrieb in der Summe seiner Tariflöhne mehr ausgeben muss als bisher. Das ist das Problem.

Und wie lösen Sie es?

Wir wollen ein Ausgleichskonto schaffen, in die jeweils der Anteil der Tariferhöhung eingezahlt werden soll, der für ERA zur Verfügung steht. Das wird eine lange Zeit dauern, das ist mit einer Tarifrunde nicht getan.

Sie wollen einen Stufentarifvertrag?

Es geht nicht um Stufen, sondern um die Zeit, in der das Ausgleichskonto gefüllt wird. Wir denken an vier Jahre.

Und wie viel Lohnprozente muss die Metallgewerkschaft opfern?

Darüber verhandeln wir zurzeit. Jetzt ist die IG Metall dran. Sie muss jetzt sagen, was sie will. Und darf nicht immer nur sagen, dass es so nicht geht.

Wollen alle Arbeitgeber in allen Bezirken ERA?

Im Prinzip ja. Regional wird es allerdings Unterschiede geben. Einige Bezirke werden es nicht so schnell schaffen wie andere. Deshalb wird dieser Teil des Tarifvertrags deutliche regionale Unterschiede ausweisen.

Kriegen Sie das hin?

Es wird wahnsinnig schwierig, das ist klar. Denn es geht jetzt, im Zusammenhang mit der Lohnrunde, um die entscheidende gemeinsame Klammer: die Kostenneutralität und den verbindlichen Zeitplan für die Einführung des neuen ERA. Und klar ist auch, dass unsere Mitglieder entscheinen, ob wir das richtige Modell verhandelt haben. Wenn das Modell nicht stimmt oder zu teuer ist, dann wird es nicht angewandt.

Reden Sie eigentlich gelegentlich mit den Chemiearbeitgebern?

Warum?

Könnte ja sein, dass Ihnen die Chemiebranche wieder einmal die Arbeit abnimmt, indem sie den Pilotabschluss macht.

Darauf können und wollen wir nicht zählen. Den Abschluss macht jeder allein.

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