TARIFRUNDE 2008 : Wie die IG Metall punkten will

Die Gewerkschaft strebt im Osten eine Tariferhöhung um die fünf Prozent an, die Arbeitgeber verweisen auf den Abschwung.

Alfons Frese
IG Metall
Mehr Geld. Die Forderung der IG Metall wird wahrscheinlich zwischen sieben und acht Prozent liegen. -Foto: dpa

Berlin - Die ostdeutsche IG Metall will sich in der anstehenden Tarifrunde keinesfalls zurückhalten. Im Gegenteil: „Im Osten läuft die Industriekonjunktur besonders gut, es gibt keinen Anlass, hier die Bescheidenheit auszurufen“, sagte Olivier Höbel, Chef der IG Metall in Berlin, Brandenburg und Sachsen, dem Tagesspiegel. Die Warnung der Arbeitgeber, angesichts der konjunkturellen Abschwächung bei der Lohnforderung Zurückhaltung zu üben, sei vorgeschoben. „Die stabile Grundauslastung der Betriebe reicht bis ins nächste Jahr“, sagte Höbel. „Die wirtschaftliche Situation gibt Anlass für eine selbstbewusste Forderung.“

Bislang haben die regionalen Tarifkommissionen der Gewerkschaft eine Forderung zwischen sieben und acht Prozent diskutiert. An diesem Montag beschließt der Vorstand der IG Metall in Frankfurt am Main eine sogenannte Forderungsempfehlung für die einzelnen Bezirke. Dabei wird mit Sicherheit eine Sieben vor dem Komma stehen. IG-Metall- Chef Berthold Huber hatte in den vergangenen Wochen mehrfach betont, dass die diesjährige Forderung über dem Niveau der vergangenen liegen werde. Im Frühjahr 2007 war die IG Metall mit 6,5 Prozent an den Start gegangen. Am Ende gab es dann 2007 eine Erhöhung um 4,1 Prozent und in diesem Jahr nochmals um 1,7 Prozent.

Der Tarifvertrag läuft Ende Oktober aus. Sowohl die IG Metall als auch der Arbeitgeberverband Gesamtmetall wollen spätestens Mitte Dezember einen Abschluss haben. Die IG Metall begründet ihre Forderung mit den noch immer hohen Gewinnen der Unternehmen. Von einer „Gewinnexplosion, auch im Osten“, spricht Olivier Höbel.

Der ostdeutsche Gewerkschafter bringt für die neuen Bundesländer einen weiteren Aspekt ins Spiel: den Mangel an Arbeitskräften. „Wir kriegen einen handfesten Wettbewerb um Fachkräfte und Schulabgänger und wären mit dem Klammerbeutel gepudert, wenn wir das nicht berücksichtigen würden“, sagt der Metaller. „Wir wollen deutlich machen: Leute bleibt hier, es lohnt sich, hier zu leben und zu arbeiten.“ Die Löhne und Ausbildungsvergütungen in der Metall- und Elektroindustrie seien dabei ein wichtiges Argument.

In der ostdeutschen Metallindustrie liegen die Tarifentgelte zwar auf westdeutschem Niveau, die Effektiveinkommen sind vor allem aufgrund der längeren Arbeitszeit indes noch immer deutlich geringer als im Westen. Vor fünf Jahren hatte die IG Metall im Osten einen Arbeitskampf um die stufenweise Einführung der 35-Stunden-Woche, die es im Westen seit Mitte der 90er Jahre gibt, verloren.

Die Arbeitgeber warnen unterdessen mit jeder neuen Meldung über den schwächeren Konjunkturverlauf vor einem hohen Lohnabschluss. In diesem Jahr steige die Produktion der Metall- und Elektrofirmen noch um rund fünf Prozent, für das kommende Jahr prognostiziert Gesamtmetall aber eine Stagnation. Daraus schließt Gesamtmetall-Präsident Martin Kannegiesser, dass die Tarifforderung und am Ende dann auch der Abschluss geringer sein müssten als im vergangenen Jahr.

IG-Metall-Chef Hubers Vorstellungen, dass die Tarifpolitik die Konjunktur stabilisieren kann und so zu mehr Gerechtigkeit in der Gesellschaft führen kann, sind für die Arbeitgeber abwegig. Für Gerechtigkeit seien Sozial- und Transferpolitik zuständig, argumentiert Gesamtmetall. Und der Effekt einer Tariferhöhung auf die Binnenkaufkraft sei gering. Wenn die Tarifeinkommen um 100 Euro erhöht werden, dann bedeute das zuzüglich der Sozialbeiträge eine Erhöhung der Arbeitskosten für die Betriebe um 120 Euro. Von diesen 120 Euro fließen 54 Euro in die Sozialkassen und ans Finanzamt. Ein paar Euro werden dann gespart, und schließlich wird einiges für Produkte ausgegeben, die aus dem Ausland stammen. Unterm Strich, so rechnet Gesamtmetall vor, blieben dann für die Stärkung der Binnennachfrage gerade mal 29 Euro.

Die IG Metall beeindruckt das wenig. Von ihren Betriebsräten und Vertrauensleuten will sie gehört haben, dass die Lage in den Unternehmen „deutlich besser ist als die derzeitige öffentliche Stimmung“. Und da ihre Klientel unter der Preissteigerung leidet, soll es also deutlich mehr geben als die 4,1 Prozent im vergangenen Jahr. Es wird demnach schwierig für die Arbeitgeber, eine Fünf vor dem Komma tatsächlich zu verhindern. Die gab es in diesem Jahr schon einmal: 5,1 Prozent für die Stahlindustrie. Durchgesetzt von der IG Metall.

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