Tarifstreit : GDL-Chef Schell freut sich über den Abschluss

Neben Schell äußerte auch Verkehrsminister Tiefensee Zufriedenheit. Doch nicht alle sind glücklich: Bahn-Vorstand Suckale sieht die Grenze des Vertretbaren überschritten.

Frankfurt am Main / Berlin - Sie haben sich tatsächlich geeinigt. Nach einer überraschenden Verständigung zwischen Bahnchef Hartmut Mehdorn und dem Boss der Lokführergewerkschaft GDL, Manfred Schell, scheint einer der längsten Tarifkonflikte in Deutschland doch noch ein gutes Ende zu finden. Als Schell sich am Sonntag in Frankfurt vor die Fernsehkameras setzte, deutete seine entspannte Miene schon auf gute Nachrichten hin: Mit „99-prozentiger Wahrscheinlichkeit“ werde es keine Arbeitskämpfe mehr geben, lautete die frohe Botschaft für Millionen Bahn-Kunden. Ohne die ständige Gefahr neuer Streiks soll die Einigung nun bis Ende Januar stehen – mit einem kräftigen Einkommensplus und kürzerer Arbeitszeit.

Die Lösungsformel für den zehnmonatigen erbitterten Tarifkampf präsentierte dann aber Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee (SPD) in Berlin. Auf einem weißen Blatt seines Terminkalenders hatten er, Mehdorn und Schell das Gerüst ihrer Einigung festgehalten, nachdem Tiefensee die Rivalen am Sonnabend zu einem erneuten Treffen ins Ministerium geladen hatte. Dabei soll Mehdorn schwer geschimpft haben über die Kosten des von Tiefensee vorgeschlagenen Abschlusses. Solle er doch sehen, woher er das Geld für den Abschluss bekomme, raunzte der Bahn-Chef angeblich den Verkehrsminister an, der den Bund als Eigentümer der Bahn repräsentiert.

Rückwirkend zum 1. Juli sollen die Lokführer nun 800 Euro Einmalzahlung und ein Einkommensplus von elf Prozent bekommen. Unter die Skizze im ministeriellen Kalender setzte Schell dann gleich seine Unterschrift und Mehdorn ein Unterschriftskürzel. Heftig gerungen wurde im Ministerium vor allem um die Forderung der GDL nach einer kürzeren Arbeitszeit. „Das war ein Riesenknackpunkt“, hieß es in Verhandlungskreisen. Ohne eine Verringerung der Wochenarbeitszeit von 41 auf 40 Stunden hätte die GDL aber keinen Abschluss akzeptiert. Eine Stunde weniger Arbeit entspricht einer Engelterhöhung von 2,5 Prozent, so dass die GDL sogar insgesamt von einer Erhöhung um 13,5 Prozent spricht. Am Ende konnte die Bahn eine solche Regelung offensichtlich nicht mehr ablehnen, ohne ein erneutes Scheitern zu riskieren. Allerdings soll die eine Stunde weniger Arbeit erst zum 1. Februar 2009 kommen. Die nun vereinbarten Einkommenserhöhungen sind zwar weit von den spektakulären 31 Prozent entfernt, mit denen die GDL ursprünglich in die Tarifauseinandersetzung gegangen war. Andererseits hat die GDL ein Hauptziel annähernd erreicht: Sie hat einen eigenständigen Tarifvertrag für Lokführer erkämpft, den sie mit der Bahn aushandeln und eigenständig kündigen kann. Damit hat ihr Vorsitzender Schell sein Lebenswerk vollendet: Im Mai wird der dann 65-Jährige nach fast 20 Jahren an der Spitze in Rente gehen und den Platz für seinen Vize Claus Weselsky freimachen. Die lange Auseinandersetzung habe sich „mehr als gelohnt“, sagte der GDL-Vorsitzende von Berlin, Brandenburg und Sachsen auf Anfrage.

Die Bahn wiederum zahlt für die Einigung einen hohen Preis. Mit den Einkommensanhebungen sei „die Grenze des wirtschaftlich Vertretbaren überschritten“ worden, sagte Personalvorstand Margret Suckale. Doch die Aussicht auf eine weitere quälende Auseinandersetzung war auch nicht gerade verlockend. Zudem dürften die Manager im Berliner Bahn- Tower mit der gefundenen Konstruktion ihr oberstes Ziel wahren können, ein einheitliches Tarifgefüge innerhalb des Konzerns behalten zu können – wenn auch mit größerer Eigenständigkeit der insgesamt drei Gewerkschaften.

Eine endgültige Entwarnung steht noch aus. Die beiden größeren Gewerkschaften Transnet und GDBA wollen die Eckpunkte der Verständigung zwischen Bahn und GDL erst einmal genau prüfen. Sie pochen darauf, dass der GDL-Vertrag „konflikt- und widerspruchsfrei“ zu ihren eigenen Abmachungen sein muss. Schell kündigte Gespräche mit dem Transnet-Chef an. „Einigungszwang“ zwischen den Gewerkschaften gebe es aber nicht, ließ er wissen. Konkreter Streitpunkt ist noch die Frage, wem 3000 Rangierlokführer zuzuordnen sind – Transnet oder der GDL. dpa/alf

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