Wirtschaft : Tarifstreit im Einzelhandel

BERLIN (lvt).Gewerkschaften und Arbeitgeber haben sich am Donnerstag im ersten Anlauf nicht auf einen neuen Tarifvertrag für den Berliner Einzelhandel einigen können.Zwar hatte man vor Verhandlungsbeginn mit einer schnellen Einigung gerechnet.Dennoch konnte bis zum Abend kein Ergebnis erzielt werden."Es hat eine Annäherung gegeben, keinen Durchbruch", sagte Nils Busch-Petersen, Geschäftsführer des Einzelhandelsverbandes.Ähnlich äußerten sich Vertreter der beiden beteiligten Gewerkschaften DAG und HBV.

Der Tarifvertrag, der die Ende Juli auslaufende Vereinbarung aus dem vergangenen Jahr ersetzen soll, wird erstmalig für alle 80 000 Beschäftigten der Branche gelten.Bisher werden im Ost- und im Westteil Berlins verschiedene Löhne gezahlt.Selbst bei einer Tarifeinigung würde aber ein Unterschied bleiben: Im Ostteil stehen die Beschäftigten mit 38 Wochenstunden derzeit eine Stunde länger im Geschäft als ihre Kollegen im Westteil.Daran wird auch der neue Tarifvertrag nichts ändern.

Der Berliner Einzelhandel ist mit 28 Mrd.DM Jahresumsatz der drittgrößte Wirtschaftszweig der Stadt, so Busch-Petersen vom Gesamtverband des Einzelhandels Berlin.Allerdings befinde sich die Branche seit Jahren in einem "permanenten Sinkflug".Allein im vergangenen Jahr sei der Umsatz um weitere 900 Mill.DM zurückgegangen.

Im Gegensatz zum Vorjahr hatten die Tarifpartner im Vorfeld der Verhandlungen eine schnelle Einigung erwartet.Die Deutsche Angestellten-Gewerkschaft (DAG) begründete dies damit, daß die wesentlichen Entscheidungen durch die bereits getätigten Abschlüsse in fast allen westdeutschen Ländern vorgegeben seien.Dort werden die Löhne und Gehälter in der Größenordnung von knapp über zwei Prozent erhöht.Dennoch waren die beiden Gewerkschaften am Morgen mit unterschiedlichen Forderungen in die Gespräche gegangen.Die Gewerkschaft Handel, Banken und Versicherungen (HBV) hatte eine Lohnanhebung von 3,5 Prozent gefordert, die DAG von 4,5 Prozent.Allerdings hatte die DAG schon vor den Verhandlungen signalisiert, daß sie zur Übernahme des Tarifvertrages westdeutscher Bundesländer bereit wäre.Die von seiner Gewerkschaft geforderten 4,5 Prozent seien mehr ein "Symbol", sagte DAG-Sekretär Siegmar Roder."Mehr als 2,1 Prozent wäre nur durch einen enormen Kraftaufwand zu erreichen gewesen, zum Beispiel durch einen Arbeitskampf", sagte Roder."Aber das würden die Kollegen nicht mitmachen." Die Beschäftigten hätten zu große Angst um den eigenen Arbeitsplatz.Außerdem befinde sich der Berliner Einzelhandel angesichts der sinkenden Umsätze in einer schweren Lage.Bei Lohnforderungen, die die Arbeitgeber als überhöht sehen, sei ein weiterer Verlust von Arbeitsplätzen zu befürchten.

Die HBV hatte im Vorfeld der Verhandlungen die DAG kritisiert."Die Unterschiede Berlins gegenüber den westlichen Bundesländern müssen berücksichtigt werden", sagte HBV-Sekretär Fritz Giesel.Die HBV hatte neben einer Anhebung des Ecklohns gefordert, daß Mehrarbeit und Überstunden begrenzt werden.

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