Wirtschaft : „Tarifverhandlungen brauchen Konfliktbereitschaft“

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Herr Selten, warum braucht man überhaupt Tarifverhandlungen und Streiks, wenn sich die Beteiligten am Ende doch immer ungefähr in der Mitte treffen?

Weil eine Unvollständigkeit der Information vorliegt, wie man das in der Spieltheorie nennt. Gewerkschaft und Arbeitgeber wissen nicht genau, was sich der jeweils andere eigentlich vorgenommen hat. Außerdem stehen die Verhandlungsführenden der Gewerkschaften unter dem Druck der Basis. Wie stark dieser Druck ist und die Forderungen beeinflusst, kann nur gewerkschaftsintern beurteilt werden. Das ist eine Information, die die Arbeitgeber nicht haben. Auf der anderen Seite ist es genauso. Deshalb muss eine gewisse Konfiktbereitschaft gezeigt werden, deshalb werden Verhandlungen erforderlich. Arbeitgeberverbände stehen unter Druck ihrer Mitgliedsfirmen. Was deren Erwartungen sind, kann die Gewerkschaft wiederum nicht wissen.

Aber ein Streik ließe sich vermeiden?

Auch nicht. Denn die Streikdauer ist ein weiteres Informationsdefizit. Die Gewerkschaften wissen nicht, wie lange die Arbeitgeber einen Streik aushalten. Wenn die Auftragslage eines bestreikten Unternehmens gerade nicht so gut ist, dann können diese einen Streik länger aushalten. Trotzdem muss ein Vertrag zustande kommen, also wird verhandelt. Und ein echtes Konfliktrisiko bewahrt beide Parteien davor, dass der jeweils andere beliebig hohe Forderungen erhebt.

Könnte man also Streiks vermeiden, wenn beide Seiten alles voneinander wüssten?

Von der klassischen Spieltheorie her müssten sie bei vollständiger Information und rationalen Spielern eigentlich vermieden werden. Stellen sie sich vor, zwei Leute bekommen 100 Euro und sie müssen sich darüber einigen, wie sie diese untereinander aufteilen. In der Regel wird jeder 50 Euro bekommen. Sie werden in solchen Fällen sehr selten einen Konflikt beobachten. In den Tarifverhandlungen ist die Lage schon schwieriger. Beide Parteien halten Informationen zurück und sind unterschiedlich strukturiert. Man kann nicht sagen, dass hier etwas gleich verteilt werden kann.

In den letzten Jahren haben sie sich auch mit verhaltenstheoretischen Ansätzen beschäftigt. Gibt es dort Erklärungen?

Im menschlichen Verhalten spielt Anspruchsbildung eine große Rolle. Wie hart jemand verhandelt, hängt davon ab, mit welchen Anfangsansprüchen er in die Verhandlung geht. Wenn er glaubt, sehr viel erreichen zu müssen, wird er härter verhandeln. Im Laufe der Verhandlungen findet eine Anspruchsanpassung statt.

Was halten Sie von Schlichtungsverfahren im Tarifstreit?

Schlichtungsverfahren bei Tarifkonflikten wurden schon spieltheoretisch untersucht. Dabei wurde deutlich, dass der Effekt einer Schlichtung davon abhängt, wie die Regeln einer Schlichtung aussehen. Eine Schlichtung mit einem Sachverständigen, der als Ergebnis die Mitte der beiden Forderungen vorschlagen kann, lässt die Tarifverhandlungen ausarten. In solchen Fällen wird immer zu viel gefordert. Nach dem Prinzip: Je höher meine Forderungen sind desto mehr wird der Schlichter bei seinem Vorschlag in meine Richtung gehen. Wirksamer ist eine Schlichtung, wenn der Schlichter nur einen der beiden letzt genannten Vorschläge empfehlen darf. Das zwingt die Tarifparteien aufeinander zuzukommen.

In wenigen Ländern wird seltener gestreikt als in Deutschland. Sollte überhaupt etwas verändert werden?

Es gibt in der Schweiz Regelungen, mit denen man den Streik vermeiden kann. Es ist schon möglich, die Lohnbildung so zu regulieren, dass sie zu noch weniger Konflikt führt. Die Schweiz hat durch Friedensabkommen den Streik ausgeschlossen. Durch entsprechende Reformen könnte man auch in Deutschland noch etwas verbessern. Obwohl es hier auf jeden Fall tragbar ist.

Das Gespräch führte Marco Dettweiler

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