Tarifverhandlungen : Deutsche Bahn: Streiks noch nicht vom Tisch

Bei der Deutschen Bahn sind Streiks weiterhin möglich – die Tarifverhandlungen sind so kompliziert wie lange nicht.

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Gleiche Arbeit, weniger Geld. In dieser Woche verhandeln die Gewerkschaften erneut, um einheitliche Löhne und Arbeitsbedingungen für 125 000 Eisenbahner zu erreichen.
Gleiche Arbeit, weniger Geld. In dieser Woche verhandeln die Gewerkschaften erneut, um einheitliche Löhne und Arbeitsbedingungen...Foto: ddp

Berlin - Wenn Michael Schnell einen Monat lang auf der Lok gesessen und rote Züge durch Berlin und Brandenburg gesteuert hat, bringt er knapp 3000 Euro brutto mit nach Hause. Das ist in etwa so viel wie die meisten Arbeitnehmer in der Region haben. Schnell ist „Triebfahrzeugführer“, so heißt das im Deutsche-Bahn-Jargon, seit 26 Jahren. Den Job findet er in Ordnung, das Geld reicht für die Frau und zwei Kinder. „Es ist nicht viel, könnte aber schlimmer sein“, findet er.

Das sieht Peter Münster (Name geändert) anders. Er sitzt auch auf der Lok, kommt aber nur auf 2200 Euro brutto – und muss dafür zwei Stunden pro Woche länger arbeiten als Schnell. Dabei hat er die gleiche Ausbildung, genauso viel Erfahrung, ist genauso alt, hat auch Familie. Einziger Unterschied: Münster arbeitet nicht für die Bahn, sondern für einen Konkurrenten im Berliner Umland. Und der zahlt schlechter. „Das finde ich schon ein wenig ungerecht“, sagt der 44-Jährige. „Aber vielleicht wird es ja jetzt anders.“

Vielleicht. In dieser Woche wollen die Bahn-Gewerkschaften einen neuen Anlauf unternehmen, um einheitliche Löhne und Arbeitsbedingungen für bundesweit 125 000 Eisenbahner zu erreichen. Ein Branchentarifvertrag ist ihr Ziel, seit Mitte Juli wird verhandelt. Jahrelang haben es Transnet, GDBA und die Lokführertruppe GDL hingenommen, dass die Verdienste zwischen dem Ex-Monopolisten Bahn und seinen kleineren Konkurrenten auseinanderklaffen, um bis zu 10 000 Euro pro Jahr – wie bei Schnell und Münster. Nun soll es anders werden: Gleicher Lohn für gleiche Arbeit, eine uralte Gewerkschaftsparole. Streiks sind möglich. Das würde für Passagiere auf wichtigen Regionalstrecken einen ungemütlichen Herbst bedeuten.

Denn die Arbeitgeber halten von der Idee der Gewerkschaften wenig. Die Deutsche Bahn (DB) wäre zwar froh über jedes Lohnprozent, das die Konkurrenz näher an sie heranrückte. Schließlich wird der Wettbewerb um lukrative Regionalstrecken vorwiegend über die Personalkosten ausgetragen. „Ohne einen Branchentarifvertrag wird sich die Lohnschraube immer schneller nach unten drehen. Das ist Wettbewerb auf dem Rücken der Beschäftigten“, befürchtet Alexander Kirchner, Vorsitzender der Gewerkschaft Transnet. Sei keine Einigung in Sicht, will er streiken lassen.

Aber bislang waren die Privaten klar gegen einen einheitlichen Lohn. „Wenn wir diesen Vorteil aufgeben, ist der Wettbewerb tot“, prognostiziert Hans-Peter Ackmann, Geschäftsführer des Arbeitgeberverbandes AGVDE, in dem 120 Bahn- und Busfirmen organisiert sind. Doch die Front der Gegner bröckelt: Kürzlich haben sich ausgerechnet die fünf größten Mitglieder vom AGVDE distanziert – und suchen von diesem Montag an ihr Heil in eigenen Verhandlungen mit den Arbeitnehmern. Arriva, Abellio, Keolis, Veolia und Benex, einige davon auch in Berlin und Brandenburg aktiv, peilen einheitliche Arbeitsbedingungen an.

Woher der plötzliche Sinneswandel der fünf kommt, ist nebulös. „Wir müssen das Image der Dumpinglohn-Bahnen unbedingt loswerden“, heißt es bei einem der Unternehmen. Andere vermuten rein finanzielle Motive. „Einige rutschen bei einem Streik sofort in die roten Zahlen, das können die sich gar nicht leisten“, sagt ein Top-Manager der Branche. Dass es tatsächlich eine rasche Angleichung der Löhne geben wird, mochten die fünf Firmen im Vorfeld der Verhandlungen nicht zusagen, schon gar nicht auf DB-Niveau. Ihnen schwebt eine Angleichung für ihre 10 000 Beschäftigten über mehrere Jahre vor. Zudem wollen sie die Löhne unterschiedlichen regionalen Gepflogenheiten anpassen können, und sie sprechen lediglich von „Mindestniveaus“. Transnet-Chef Kirchner sieht das skeptisch. „Das Niveau soll bundesweit gleich sein, ob in Görlitz oder in München“, mahnt er. Hier seien die Löhne der DB die Messlatte. Nur über Schichtzulagen oder Weihnachtsgeld sollen die Unternehmen vor Ort entscheiden können.

Streiks sind also auch weiterhin nicht vom Tisch. „Wenn wir bei den Verhandlungen feststellen sollten, dass wir hingehalten werden, greifen wir auch zum Mittel des flächendeckenden Arbeitskampfes“, droht Kirchner. Zumal die übrigen Bahn-Betreiber aus dem AGVDE weiterhin nicht mitziehen. Sie bieten Mindestlöhne zwischen neun und elf Euro für Serviceleute, Zugbegleiter und Lokführer. Ein einheitliches Tarifwerk für alle soll es nicht geben. Verhandlungen hat AGVDE- Chef Ackmann den Gewerkschaften jüngst dennoch angeboten – aber nur Absagen kassiert. „Es wäre schade um die Zeit, die man dafür aufwenden muss“, heißt es etwa bei der GDL.

Mit drohenden Streiks kann Ackmann leben. „Es kann nicht sein, dass einer die Bedingungen diktiert und die anderen müssen kuschen. Dann kommt es eben so“, gibt er sich kämpferisch.

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