Wirtschaft : Tarifverhandlungen: "Herr Gerster sollte etwas zurückhaltender sein"

Herr Schmoldt[di],der IG-Metall-Vize Peters meint[di]

Hubertus Schmoldt (57) ist seit 1995 Vorsitzender der IG Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE), der nach Verdi und der IG Metall drittgrößten deutschen Gewerkschaft. In der diesjährigen Tarifrunde fordert die IG BCE 5,5 Prozent mehr Lohn und liegt damit ein Prozent unter dem Volumen der anderen Gewerkschaften. Am Dienstag beginnen die Verhandlungen für die 570 000 Mitarbeiter in der westdeutschen Chemie.

Herr Schmoldt, der IG-Metall-Vize Peters meint, die IG BCE wolle in diesem Jahr als erste Gewerkschaft die Tarifverhandlungen abschließen und damit den Trendsetter spielen. Stimmt das?

Wir haben nicht die Absicht, an irgendeinem Wettlauf um einen frühen Abschluss teilzunehmen. Aber alle sollten ihre Verhandlungen zügig abschließen, damit die Tarifpolitik nicht in den Wahlkampf gezogen wird.

Könnte es in der Chemie bei den Verhandlungen am 18./19. April zu einem Abschluss kommen?

Das kann man jetzt noch nicht sagen, da wir bislang noch kein Angebot der Arbeitgeber haben. Aber ausgeschlossen ist das nicht.

Ihre Gewerkschaft fordert 5,5 Prozent mehr Lohn - gibt das die Lage der Branche her?

Wir sind im Augenblick in einer nicht ganz einfachen Lage. Allerdings wird die Konjunktur im Jahresverlauf wieder anziehen. Davon gehen jedenfalls führende Institute und viele Unternehmen aus. Unsere Forderung von 5,5 Prozent ist im Übrigen vor dem Hintergrund der Erfahrungen des laufenden Tarifvertrags zu sehen, den wir vor zwei Jahren abgeschlossen haben: Die Ertragslage der Firmen hat sich besser entwickelt, als damals erwartet worden war und gleichzeitig lag die Inflationsrate deutlich höher. Aus diesen Punkten ergibt sich die hohe Erwartungshaltung unserer Mitglieder.

Sie wollen den Tarifvertrag flexibilisieren und Einkommensteile an den Firmenerfolg koppeln. Wie soll das konkret aussehen?

Ich stelle mir ein nach oben schwankendes 13. Monatseinkommen vor, das der Situation in den Betrieben Rechnung trägt.

Und wenn es einem Betrieb schlecht geht, dann könnte das Weihnachtsgeld auch unter das jetzige Niveau von 95 Prozent fallen?

Das ist unter bestimmten Bedingungen bereits jetzt möglich. Es geht in dieser Tarifrunde um eine Differenzierung nach oben. Die Beschäftigten sollen stärker am Unternehmenserfolg teilhaben.

Für die Chemiebeschäftigten im Osten strebt die IG BCE bis 2007 die gleichen Löhne an wie im Westen - 17 Jahre nach der Vereinigung. Ist das eine angemessene Frist, um gleichen Lohn für gleiche Arbeit durchzusetzen?

Was hätten wir denn heute an chemischer Industrie in Ostdeutschland, wenn wir diesen tarifpolitischen Weg nicht gegangen wären? Es hat uns große Anstrengungen abverlangt, um zu verhindern, dass nach der Wende alles plattgemacht wird. Heute haben wir eine hohe Bindewirkung des Tarifvertrags, der von den allermeisten Betrieben angewendet wird. Das belegt den Erfolg unserer Tarifpolitik.

IG-Metall-Chef Klaus Zwickel fordert von der SPD, im Falle eines Wahlsieges "vieles anders und gerechter für die Arbeitnehmer" zu machen. Schließen Sie sich dem an?

Wir haben vor der letzten Wahl für einen Politikwechsel geworben, für weniger Arbeitslose und mehr soziale Gerechtigkeit. Nun haben wir zwar eine Million zusätzlicher Arbeitsplätze, aber die Arbeitslosigkeit ist noch immer viel zu hoch. Was die soziale Gerechtigkeit anbelangt, hat die Regierung eine ganze Menge zustande gebracht.

Nach der Wahl steht eine Arbeitsmarktreform an. Wo würden Sie ansetzen?

In den Arbeitsämtern muss der bürokratische Aufwand reduziert werden und endlich die Arbeitsvermittlung in den Vordergrund kommen. Schließlich sollte die Wirkung aller arbeitsmarktpolitischen Instrumente überprüft werden.

Was halten Sie von Florian Gersters Vorschlag, das Arbeitslosengeld mit zunehmender Dauer der Arbeitslosigkeit zu kürzen?

Ob das was bringt, müsste in Modellversuchen ausprobiert werden. Vorrangig brauchen wir eine Vermittlungs- und Qualifizierungsoffensive und keine Kürzungsdebatten. Im Übrigen sollte Herr Gerster etwas zurückhaltender sein. Bestimmte Dinge sind schwieriger umzusetzen, wenn sie öffentlich breitgetreten wurden.

Sie galten auch als Kandidat für den Chefposten bei der Bundesanstalt für Arbeit. Hat Sie der Bundeskanzler gefragt?

Nein.

Und was ist mit Ihren Ambitionen auf ein Ministeramt in der nächsten Bundesregierung?

Der IG BCE-Vorsitzende hat größere Gestaltungsspielräume als ein Minister. Deshalb ziehe ich mein jetziges Amt vor.

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