Tarifverhandlungen VW : Gewerkschafter auf Gratwanderung

Der Verhandlungsführer der Volkswagen-Belegschaft, Hartmut Meine, befindet sich in den härtesten Tarifgesprächen seit Jahren. Wachsende Konkurrenz aus dem Ausland erschüttern die VW-Idylle.

Hannover - Hartmut Meine überspielt Schwierigkeiten gern mit einem leisen Lächeln. Derzeit lächelt der 54-Jährige viel. Denn Meine bewegt sich auf einem extrem schmalen Grat. Er ist Verhandlungsführer der IG Metall bei den Bemühungen, den Volkswagen-Konzern auch durch Zugeständnisse der fast 100.000 Beschäftigen in den westdeutschen Werken zu sanieren. Der Konzern droht unverhohlen mit der Verlagerung von Produktionsteilen ins Ausland, die selbstbewusste Belegschaft aber erwartet von ihrer Gewerkschaft, dass sich die Zugeständnisse in engen Grenzen halten. Gibt es bei der dritten Verhandlungsrunde am Mittwoch keine substanzielle Annäherung, dann will die IG Metall die Tarifgespräche abbrechen, wie Meine angekündigt hat.

Europas größter Autobauer könnte dann erneut in schwere Turbulenzen geraten. Ein Jahr nach der Affäre um Lustreisen und Bordellbesuche von Betriebsräten auf Firmenkosten sowie die Gründung von lukrativen Scheinfirmen durch leitende Mitarbeiter droht der Streit um die Beschäftigungssicherung die jahrzehntelang bei Volkswagen geplegte Kultur der kollegialen Verständigung zwischen Vorstand und Arbeitnehmervertretern zu zerstören. Meine droht unverhohlen mit einem "Großkonflikt" - forsche Töne, die bei diesem Mann sehr ungewöhnlich sind.

Untypischer Gewerkschafter

Denn Meine passt kaum in das klassische Bild des Gewerkschafters, der sich hemdsärmelig hochgedient hat. Zu seinem Lebenslauf passen Schlips und Anzug besser: Abitur, Studium des Wirtschaftsingenieurwesens in Karlsruhe, Ergänzungsstudium der Arbeitsorganisation als Stipendiat in den USA, dann ab 1976 Fertigungsplaner bei Telefunken. Im selben Jahr wurde Meine auch Mitglied der IG Metall. Seit 1999 ist er ihr Bezirksleiter in Niedersachsen.

Meines Meisterstück war 2001 der Tarifvertrag für die Volkwagen-Tochter Auto 5000. Damit erreichte er, dass das Modell Touran nicht in Osteuropa, sondern am Stammsitz in Wolfsburg gebaut wird. Allerdings waren die Zugeständnisse erheblich: Denn die 3500 neu eingestellten Mitarbeiter arbeiten mindestens 35 Stunden zum Tariflohn des Flächentarifvertrages, während ihre Kollegen an den Nachbarbändern nur 28,8 Stunden arbeiten und zudem ungleich besser nach dem Haustarif entlohnt werden.

Zu Zugeständnissen bereit

Auch zur jetzt anstehenden Sanierung der Kernmarke VW ist Meine durchaus zu einigen Zugeständnissen bereit. Die Forderung der Unternehmensleiter nach Einführung der 35-Stunden-Woche weist er keineswegs kategorisch ab, allerdings will er einen Lohnausgleich. Und vor allem verlangt Meine konkrete und klare Beschäftigungsgarantien, die über das Ende des Jahrzehnts hinausreichen.

Scheitern die Verhandlungen, wird Meine allerdings erst einmal demonstrativ in die zweite Reihe treten: Die Gewerkschaft ist an die Friedenspflicht der geltenden Tarifverträge gebunden, Arbeitskampfaktionen müssen also spontanen Charakter haben. Tatsächlich aber dürfte der Bezirksleiter im Hintergrund die Fäden ziehen. Meine gilt als kühler Analytiker, der sich auf alle Eventualitäten einstellt. Seine Drohung mit dem "Großkonflikt" ist also durchaus ernst zu nehmen. (Von Josef Harnischmacher, ddp)

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