Wirtschaft : Tauben unter Dopingverdacht

In England werden Züchter von Renntauben verdächtigt, ihre Tiere mit mehr als nur Körnern zu füttern

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Von John Carreyrou Nachdem das Doping schon verschiedene Sportarten in Verruf gebracht hat, sorgt es jetzt dafür, dass eine weitere Königsdisziplin Federn lassen muss: das Taubenrennen. Seit Jahrhunderten werden Tauben, die mit einem unglaublichen Orientierungssinn ausgestattet sind, benutzt, um Botschaften zu überbringen. Im frühen 18. Jahrhundert begann man in Nordfrankreich, Brieftauben zu züchten. Ein halbes Jahrhundert später gab es die ersten Taubenrennen in England, die schnell zum Pferderennen des armen Mannes wurden. Heute gibt es dort 50000 Taubenzüchter und etwa drei Millionen Renntauben.

Nun liegt ein Schatten über dem ehrwürdigen Sport. In Belgien, wo dieser Zeitvertreib ebenfalls beliebt ist, sind seit 1995, als das Gesundheitsministerium aus Sorge um die Vögel Dopingtests einführte, viele Tauben positiv auf Steroide getestet worden. Zahlreiche Hausdurchsuchungen bei Züchtern sowie Futter und Arzneimittelherstellern haben zu zahlreichen Beschlagnahmungen verbotener Substanzen geführt.

In England hat bis vor kurzem niemand den Sport in Frage gestellt. Aber eine Serie sensationeller Rennergebnisse hat auch hier die Gerüchte verstärkt, dass einige Züchter ihren Tauben mehr als nur Körner zu fressen geben. Die 107 Jahre alte Royal Pigeon Racing Association (RPRA), die auch die Queen zu ihren Mitgliedern zählt, führt seit Juli stichprobenartig Dopingtests durch. Die Liste der verbotenen Substanzen liest sich wie die bei den Olympischen Spielen: Anabolika, Betablocker, Opiate, Analgetika, synthetische Hormone und so weiter.

Obwohl bislang alle Tests negativ verlaufen sind, stehen einige der besten Taubenzüchter der Insel weiter unter Verdacht. Eines der Gerüchte besagt, dass sie neue Medikamente benutzen, die nicht nachgewiesen werden können, oder dass die Substanzen bis zu den Tests wieder ausgeschieden sind. „Ich geriet wegen einiger guter Rennen unter Verdacht“, sagt Frank Brammer, der seit 1937 Tauben zu Rennen schickt. „Einige Leute, die um jeden Preis gewinnen müssen, dopen ihre Tauben vielleicht“, sagt er und merkt an, dass er einige Kollegen bei anderen Tricks erwischt hat – etwa beim Pfusch mit Rennuhren oder den Identifikationsringen der Tauben.

Im Mai rückte er ins Blickfeld, als eine seiner Tauben während eines Rennens zwischen Frankreich und England verloren ging. Zwei Monate später tauchte sie in Kanada auf. Während Renntauben normalerweise bis zu 800 Kilometer fliegen können, legte dieser Vogel fast 5000 Kilometer zurück. Brammer schwört, dass er seine Tauben nicht dopt, und sagt, es sei „reine Fantasie“, dass seine Taube – selbst mit Doping – so weit geflogen sei. Er vermutet, dass sie über dem Ärmelkanal in einen Sturm geraten ist und Schutz auf einem Schiff gesucht hat, das nach Nordamerika unterwegs war.

Tauben haben eine bemerkenswerte Fähigkeit, ihren Weg von weither nach Hause zu finden. Wissenschaftler glauben, dass sie zur Navigation eine innere Sonnenuhr benutzen und die Fähigkeit haben, das Magnetfeld der Erde zu lesen. Bei den heutigen Rennen werden die Tauben in großen Lkws zu Orten gefahren, die hunderte von Kilometern von ihrem Zuhause entfernt sind, und dort freigelassen. Die Taube, die am schnellsten zu ihrem Taubenschlag zurückfindet, gewinnt.

Die Züchter können mit Preisgeldern und Wetten viel Geld verdienen. Aber das größte finanzielle Potenzial liegt in dem Verkauf von Siegertauben für die Zucht. Eine Taube mit einer beeindruckenden Anzahl von Siegen erreichte unlängst einen Rekordpreis von 254676 Euro.

Die Sorge um das Doping im Taubenrennsport verstärkte sich, als einige Züchter in diesem Jahr besonders erfolgreich abschnitten, wie etwa Mark Evans aus Yorkshire. Seine Tauben belegten die ersten sechs Plätze – und zehn der ersten zwölf – in einem Rennen, das Teil des prestigeträchtigen Midlands National Championship ist. Als am Tag nach der glanzvollen Vorstellung Proben von seinen Tauben genommen wurden, begannen Gerüchte zu kursieren, er sei beim Dopen erwischt worden. Weil die RPRA aus Kostengründen die Proben in ein Labor nach Südafrika sendet, dauert es Monate, bis die Ergebnisse vorliegen. Während der langen Wartemonate erhielt Evans, der auch Tauben verkauft, viele Anrufe besorgter Kunden, „die wissen wollten, ob an den Doping-Gerüchten etwas dran sei“, sagt er. „Unser Ruf war beschädigt.“ Trotz negativer Ergebnisse verdächtigen ihn einige Kollegen noch immer.

Übersetztund gekürzt von Karen Wientgen (China), Svenja Weidenfeld (Tauben), Matthias Petermann (Dollar, Belgien) und Christian Frobenius (Niederlande).

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