Wirtschaft : Tausende Reisende im Ungewissen

Flugsicherung macht Fluglotsen neues Angebot Streik frühestens Dienstagabend möglich

Julian Mieth

Berlin - Im Tarifstreit zwischen Deutscher Flugsicherung (DFS) und den Fluglotsen könnte ein Streik mit Auswirkungen für tausende Passagiere noch in letzter Sekunde abgewendet werden. „Wir haben einen Kompromissvorschlag vorgelegt und hoffen, dass die Gewerkschaft jetzt an den Verhandlungstisch zurückkehrt“, sagte ein DFS–Sprecher am Montag. Die Gewerkschaft der Flugsicherung (GdF), die seit den Mittagsstunden in Frankfurt über mögliche Streiks beriet, wollte sich dazu zunächst nicht äußern.

Knackpunkt der am Freitag geplatzten Schlichtung war laut Flugsicherung die GdF-Forderung, die Schicht- und Teamleiter in eine höhere Vergütungsgruppe einzustufen. Dazu sei die DFS nun bereit, sagte der Sprecher. Dafür solle aber das Gehalt für Neulinge in dieser Gruppe künftig geringer ausfallen.

Die GdF bestätigte den Eingang des Angebots, wollte sich zunächst aber nicht dazu äußern. Zuvor hatte die Gewerkschaft der DFS vorgeworfen, zu Verhandlungspositionen zurückzukehren, die eigentlich schon vom Tisch gewesen seien. „Wir fühlen uns an der Nase herumgeführt“, sagte ein Sprecher der Gewerkschaft, die die rund 6000 DFS-Beschäftigten vertritt, darunter mehr als 2000 Fluglotsen.

Für die Passagiere bleibt es eine Zitterpartie. Sollten die Lotsen doch noch für einen Streik votieren, könnte es bereits am Dienstagabend zu ersten Arbeitsniederlegungen kommen. Allerdings gilt ein Streik am Mittwoch als wahrscheinlicher, weil er größere Auswirkungen hätte. Die Lotsen müssen einen Streik 24 Stunden vorher ankündigen. Laut GdF-Verhandlungsführer Dirk Vogelsang könnte ein Ausstand sechs Stunden dauern.

Die DFS könnte allerdings erneut versuchen, den Streik mit einem Gang vor das Arbeitsgericht zu verhindern – sofern die Richter Forderungen der Gewerkschaft als rechtswidrig einstufen. In dem seit Monaten andauernden Streit hatten die Tarifparteien bereits zwei Mal die Arbeitsgerichte in Frankfurt am Main bemüht.

Der Deutsche Reiseverband (DRV) warnte vor den negativen Folgen eines Streiks für hunderttausende Urlauber. Der Konflikt dürfe nicht auf dem Rücken Dritter ausgetragen werden, erklärte DRV-Präsident Jürgen Büchy. Gespräche müssten bilateral geführt werden. Ein Streik treffe vor allem die Tourismusbranche. Laut DRV zählten deutsche Flughäfen im Oktober 2010 täglich mehr als 610 000 Passagiere.

Der verkehrspolitische Sprecher der Union im Bundestag, Dirk Fischer, warf den Fluglotsen vor, aus Eigeninteresse dem Wirtschaftsstandort Deutschland zu schaden. Der CDU-Politiker verwies in der „Rheinischen Post“ auf die vergleichsweise hohen Gehälter: „Die nagen wahrlich nicht am Hungertuch“, sagte Fischer.

Die Brutto-Jahresgehälter der Lotsen liegen der Flugsicherung zufolge zwischen 72 000 und 130 000 Euro ohne Schicht- und Feiertagszulagen. In Europa verdienen im Schnitt nur die spanischen Lotsen mehr.

Doch den Lotsen geht es nicht nur ums Geld. Sie wollen auch auf ihrer Ansicht nach grundsätzliche Probleme aufmerksam machen: Aufgrund eines systematischen Personalmangels müssten sie zu viele Überstunden machen, klagt die GdF. Eines Tages könnte dies auf Kosten der Sicherheit gehen.

Am vergangenen Freitag waren die Tarifverhandlungen ergebnislos abgebrochen worden. Die Parteien geben sich gegenseitig die Schuld am Scheitern der erneuten Schlichtung. Julian Mieth

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