Tausendundein DEAL (71) : Der Engel von Bagdad

Tewe Pannier

Brenda wird heute 30 Jahre alt, und das feiert sie auf einer Dinner-Party bei Freunden in Dubai. Sie ist eine tolle Frau, richtig sexy. Sie lacht ganz viel, ihre langen Haare sind engelsblond, ihre schmalen Finger manikürt, die Augen himmelblau. Sie strahlt die Lässigkeit aus, die so vielen Australiern eigen ist. Bei Drinks und Smalltalk kommt rasch die Frage, die jeder hier am Anfang stellt: „Wie lange lebst du schon in Dubai?“ Brenda wirft die Haare zurück und sagt, als sei es das Normalste von der Welt: „Ich wohne in Bagdad.“ Plötzlich sind alle Dinnergäste ganz still, dann geht das Geprassel der Fragen los.

„Mein Gott, Bagdad! Was machst du denn da?“, fragt einer. Brenda erzählt von der amerikanischen Firma, die Ölfelder beackert, die Armee mit Essen versorgt, Speditionen unternimmt und Weiterbildung betreibt. „Ich bin die Personalchefin der Firma für den Irak“, sagt sie. „Hast du keine Angst?“, fragt meine Frau. „Nein“, erklärt Brenda und lächelt immer weiter, „dann könnte ich den Job nicht machen.“ – „Wo wohnst du da?“, will Tina aus Berlin wissen, die in Dubai als Bankerin arbeitet. „Bis vor kurzem in einem Hotel direkt am Tigris in der Red Zone, jetzt sind wir an den Flughafen gezogen.“ Brenda erzählt, als ginge es um einen innerstädtischen Umzug zu Hause in Sydney: „Leider ist unser Gebäude nicht ganz fertig. Deswegen wohnen wir zurzeit in Zelten. Aber die haben Klimaanlagen.“

Als Brenda erwähnt, sie habe demnächst vierjähriges Dienstjubiläum in der irakischen Hauptstadt, stellt endlich einer die Frage, die allen auf der Zunge liegt: „Warum, um Gottes Willen, machst du das?“ Brenda wird nachdenklich, dann: „Wisst ihr, es ist ein toller Job. Im Personalwesen hast du sonst den ganzen Tag mit Abmahnungen, Überstunden, Gewerkschaften zu tun.“ Jetzt wird sie wieder lebhaft: „In Bagdad bin ich wirklich für die Kollegen da. Wenn sie einsam sind oder die Kommunikation abbricht da draußen auf den Ölfeldern. Wenn sie doch mal Angst haben oder Trost brauchen, weil einer ihrer Kollegen von einer Bombe getötet wurde.“

Dann entschuldigt sich Brenda, sie müsse früher gehen heute, weil ihr Vater sie zum Geburtstag in Dubai treffen wolle. „Ich hole ihn nachher vom Flughafen ab, er hat extra drei Tage frei bekommen.“ Von wo er den anreise, stellt einer die letzte Frage des Abends an Brenda: „Na, von seiner Arbeitsstelle in Afghanistan.“

Der Autor (45) betreibt eine Medienfirma und lebt abwechselnd dort und in Berlin.

Tewe Pannier, ein Geschäftsmann

aus Berlin, erzählt von Arabien

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