Tausendundein DEAL (76) : Ein Chinese mit DVDs

Tewe Pannier

Wolfgang kommt aus München und sein Leben ist in vielerlei Hinsicht typisch für das Leben der Manager, Ingenieure und Unternehmer, die aus Europa an den Golf gekommen sind: Ein großes Reihenhaus in einer Anlage, in der hauptsächlich andere Europäer wohnen. Im gemeinsamen Hofgarten der Pool, neben der Küche das Zimmer für das Dienstmädchen. Vor der Tür die Limousine für Wolfgang und der Geländewagen für seine Frau. Neben dem Fernseher eine große Kiste mit Hunderten von DVDs.

Bei Wolfgang klingelt es an der Tür und ein Chinese tritt ein. Er zieht einen roten Rollkoffer herein, lächelt chinesisch und Wolfgang stellt ihn mir vor: „Das ist Jim!“ Jim komme aus der Millionenstadt Dalian, sagt er. Und seine Existenz hier ist in vielerlei Hinsicht illegal. Erstens hat er wohl kaum ein gültiges Arbeitsvisum, zweitens wohnt er mit Sicherheit unerlaubt zur Untermiete, und drittens steht seine Arbeit unter Strafe. Denn die Kiste mit den DVDs verbindet Wolfgang und Jim: Der Chinese beliefert den Deutschen mit Raubkopien aus Hollywood, Umweg Presswerk Shanghai. Jim hat den Rollkoffer jetzt aufgemacht und präsentiert seine Ware. Neue Hollywood-Filme, ältere und ganz, ganz neue. „Manchmal“, sagt Wolfgang, „kriegen wir Filme, bevor sie in die Kinos kommen!“ Er sucht sich rund ein Dutzend aus, zahlt umgerechnet zwei Euro pro Stück und verabschiedet Jim mit: „Bis zur nächsten Woche!“

Gerade jetzt im Sommer, da die Temperaturen zwischen 40 und 50 Grad pendeln, ist Filmegucken im klimatisierten Wohnzimmer der große Zeitvertreib.

Auch mein Kölner Freund Alexander hat solch eine Kiste im Wohnzimmer seines Hauses in der gleichen Wohngegend, bemerke ich ein paar Tage später. Und tatsächlich: Es klingelt an der Tür, der gleiche rote Rollkoffer, das gleiche Lächeln – es ist Jim! „Das ist Bob“, sagt Alexander. Er kauft zwei Staffeln „Desperate Houswifes“ (je 15 Euro) und fünf Filme. Als Medienmann, der von Lizenzen und Copyrights lebt, habe ich naturgemäß ein Problem mit diesem Service – aber nun werde ich langsam weich. „Kann ich deine Telefonnummer haben?“, frage ich den Chinesen, als wir Alexanders Haus verlassen. Er schreibt sie auf einen Zettel. „Ruf' mich jederzeit an“, sagt er und lächelt wieder, „und nenne mich einfach Mike!“

Der Autor (46) betreibt eine Medienfirma in Dubai und lebt abwechselnd dort und in Berlin.

Tewe Pannier, ein Geschäftsmann

aus Berlin, erzählt von Arabien

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