Wirtschaft : Tec-Dax im Sympathie-Hoch

Vor einem Jahr begrub die Deutsche Börse den Neuen Markt und schuf einen neuen Handelsplatz für Technologiewerte

Henrik Mortsiefer

Berlin. Es darf gefeiert werden: An diesem Mittwoch wird der Tec-Dax ein Jahr alt. Am 24. März 2003 eröffnete die Deutsche Börse das Marktsegment als Nachfolger des Neuen Marktes. Seitdem hat der Index, in dem die 30 wichtigsten deutschen Technologieaktien enthalten sind, mehr als 60 Prozent gewonnen. Eine Erfolgsgeschichte, wie die meisten Börsianer finden.

„Der Tec-Dax ist viel stabiler als der Neue Markt und die Unternehmer sind reifer“, sagt Norbert Kretlow, Senior Analyst bei Independent Research. „Der Index enthält die Großen der Branche, um deren Qualität man sich eigentlich keine Sorgen machen muss“, sagt Raik Hoffmann, Fondsmanager bei der größten deutschen Investmentgesellschaft DWS. Auch die Deutsche Börse, deren Image nach dem Absturz des Neuen Marktes gelitten hatte, feiert die Neuordnung der Börsenlandschaft: „Summa summarum haben wir das Richtige gemacht und das Glück des Tüchtigen gehabt“, sagt Christoph Lammersdorf, bei der Börse für die Indizes verantwortlich. „Anleger und Unternehmen haben von den neuen Maßnahmen profitiert.“

Gemessen an den Kursgewinnen trifft dies zu. So verzeichnet fast die Hälfte der 30 Tec-Dax-Werte dreistellige Prozent-Zuwächse binnen zwölf Monaten. Die Aktie des Top-Performers, des Kölner Telekommunikationsdienstleisters QSC, stieg bis Dienstagmittag um 747 Prozent. Rang zwei belegt die Freenet AG, der nach T-Online zweitgrößte Internetanbieter in Deutschland und Liebling der Tec-Dax-Gemeinde. Die Aktie gewann in einem Jahr 452 Prozent. Kurssprünge, die an die goldenen Zeiten des Neuen Marktes erinnern. Aber nur auf den ersten Blick. „Betrachtet man die absoluten Kurse, sind die Werte von ihren Höchstständen noch immer extrem weit entfernt“, gibt Norbert Kretlow zu bedenken. T-Online sei zum Beispiel während des New-Economy-Booms rund 40 Milliarden Euro an der Börse wert gewesen, heute seien es noch knapp sechs Milliarden Euro – obwohl das Unternehmen operativ viel besser aufgestellt sei. Von einer generellen Übertreibung der Kurse nach oben will der Analyst deshalb noch nicht sprechen.

Konstruiert wurde der Tec-Dax als reiner Technologieindex und nicht als Wachstumssegment, das wie der Neue Markt für alle Branchen offen ist. Die Börse übernahm deshalb die 26 wichtigsten Unternehmen des Neuen Marktes sowie vier Technologiewerte aus dem alten M-Dax in den Tec-Dax. Der M-Dax wurde von 70 auf 50 mittelgroße Unternehmen aus den klassischen Branchen reduziert, die 50 nächstkleineren sind im S-Dax notiert. Der Dax blieb unverändert. Alle diese Unternehmen gehören dem Prime Standard an, der Quartalsberichte und internationale Rechnungslegung vorschreibt. Die 514 börsennotierten Firmen, die diese Auflagen nicht erfüllen, zählen zum General Standard.

„Das Etikett Prime Standard sagt noch nichts über die Güte der Unternehmen aus“, warnt Klaus Nieding, Präsident des Deutschen Anleger-Schutzbundes. „Das haben immer mehr Anleger verstanden.“ Mit strengeren Publizitätspflichten sei es allein nicht getan, wie die Betrugsfälle am Neuen Markt zeigten. Insgesamt, so schätzt Nieding, sei das Interesse der Privatanleger am Tec-Dax nicht so groß, wie es sich die Börse erhofft habe. „Wer in den Tec-Dax investiert, geht heute ein ähnlich großes Risiko ein wie am Neuen Markt“, sagt DWS-Fondsmanager Hoffmann. Berücksichtige man die Fokussierung des Tec-Dax auf Hightech-Firmen, seien Anleger sogar noch mehr als früher von der Entwicklung einer einzigen Branche abhängig. Zudem müssten Investoren beachten, dass rund 60 Prozent der Index-Entwicklung von nur sieben Schwergewichten bestimmt würden. Das sei zwar auch im Dax nicht anders, dort verteile sich das Kursrisiko der Top-Aktien aber auf verschiedene Branchen.

Am Dienstag zeigte sich der Tec-Dax zunächst in Geburtstagslaune: Bis zum Schluss hielt er ein Plus von 0,9 Prozent auf 557 Punkte. Ein Stresstest stehe dem Index nach dem glänzenden Börsenjahr 2003 aber noch bevor, sagen Beobachter. Dass der Index seit einem Monat fällt und gut zehn Prozent verloren hat, sei normal. Hoffnungswerte schwanken mit den Erwartungen der Anleger. Das ist auch nach dem Verschwinden des Neuen Marktes noch so.

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