Wirtschaft : Technologieaktien treiben die Börse im Oktober

Anleger orientieren sich an guten Zahlen – und ignorieren Gerüchte

Veronika Csizi

Berlin. „Es gibt jede Menge Gründe, Aktien zu verkaufen”, sagte ein Parketthändler am ersten Handelstag im Oktober. Er sollte Recht haben – allerdings nur bis zum 9. Oktober. An diesem Tag markierte der Dax mit 2519 Punkten den tiefsten Stand seit Jahren. Unter den deutschen Standardwerten wurde keine Aktie für mehr als 100 Euro gehandelt. Einige Blue Chips notierten weit unter ihren Buchwerten. Das heißt: Ein potenzieller Käufer von Commerzbank, Deutscher Bank oder Allianz bekäme die Immobilien und Vermögenswerte zum halben Preis und das operative Geschäft gratis dazu. Kursziele unter 2000 Dax-Punkte wurden gehandelt, Gerüchte gestreut, Vergleiche mit dem Börsencrash von 1929 bemüht, gute Nachrichten ignoriert. Angst vor einem Irak-Krieg lähmte die Anleger ebenso wie Befürchtungen, die Finanzbranche gerate ins Wanken.

Als es keiner mehr erwartete oder gar erhoffte, drehte der Markt. Eine Wende aus dem Bilderbuch der Börsengeschichte also. Wer an jenem Tag gegen die Angst gekauft hatte, liegt kaum drei Wochen später weit vorne. Infineon beispielsweise, am Tief zu 5,29 Euro zu haben, notierte gestern Mittag deutlich über zehn Euro und war damit einer der Hauptgewinner im Oktober. Käufer des Chipherstellers orientierten sich wieder an guten Nachrichten, etwa von Europas Marktführer STMicroelectronics oder von Samsung. Schlechte Zahlen aus der Branche, etwa von AMD oder Texas Instruments, wurden dagegen ignoriert. Seit Monatsbeginn legte Infineon um deutlich über 70 Prozent zu. Auch die anderen Technologie-Werte zündeten den Kurs-Turbo. „Defensive Werte braucht man jetzt nicht”, so ein Händler am 10. Oktober, als der Dax um 5,21 Prozent explodierte. Tags darauf waren es sogar noch mal 7,23 Prozent. Zur Monatsmitte jagte der Dax über die 3000-Punkte-Marke.

Am 21. Oktober war nach fast 900 Punkten Gewinn vorläufig Schluss. „Eine sinnvolle Verschnaufpause”, so hieß es. Hinzu kam der neu aufgeflammte Konjunkturpessimismus. Dass die deutschen Unternehmer, ablesbar am Ifo-Geschäftsklima-Index, eher mutlos in die Zukunft blicken, war noch erwartet worden. Keiner hatte allerdings damit gerechnet, dass das Vertrauen der US-Bürger in die Konjunktur so schwer angeschlagen ist. Angesichts optimistischer Zahlen von IBM und Alcatel währte der Pessimismus indes nicht lange. Die Wette gilt nun im November: Lassen sich die Anleger von guten Unternehmensnachrichten leiten oder drückt sie die Sorge vor einer anhaltenden Konjunkturflaute?

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