Wirtschaft : „Teilweise sind wir exzellent“ Siemens-Chef Heinrich von Pierer über den Standort Deutschland

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Herr von Pierer, in Ihrer WeihnachtsE-Mail an die Mitarbeiter ist von „schmerzhaften Einschnitten“ die Rede. Was bedeutet das konkret?

Ich schreibe jedes Jahr zu Weihnachten eine E-Mail an alle Mitarbeiter und bedanke mich für das, was geleistet worden ist. Mir ist aber bewusst, dass manche zuletzt schmerzhafte Einschnitte erlebt haben. Das ist leider unausweichlich. Mehr steht da gar nicht drin. Das ist eine ganz normale Weihnachts-E-Mail.

Also gibt es keine Einschnitte.

Ich kann natürlich nicht im Einzelnen sagen, wie sich die Dinge weiter entwickeln werden. Aber das würde ich nicht auf diese Weise ankündigen.

Über die Zukunft des Handy-Geschäfts wird heiß spekuliert. Wann wird eine Entscheidung fallen – noch in Ihrer Amtszeit?

Ich hoffe, dass ich auf der Hauptversammlung am 27. Januar etwas dazu sagen kann. Danach macht das mein Nachfolger Klaus Kleinfeld. Das ist ohnehin eine gemeinsame Entscheidung des gesamten Vorstands.

Welche Optionen gibt es denn?

„Fix, close, sell or cooperate“ – also in Ordnung bringen, schließen, verkaufen oder kooperieren. Das sind in solchen Fällen immer die vier Möglichkeiten. Da gibt es verschiedene Überlegungen und verschiedene Dinge, die man beachten muss. Wir sind im Moment aber noch nicht so weit, dass wir etwas dazu sagen könnten.

Können Sie sich vorstellen, dass das Handy-Geschäft unter der Marke Siemens läuft, ohne dass Siemens daran beteiligt ist?

Die Marke Siemens ist ein hohes Gut. Da passen wir schon sehr auf.

Die Verhandlungen über einen neuen Tarifvertrag für die rund 20 000 Vertriebs- und Service-Mitarbeiter in Deutschland sind zurzeit erst einmal auf Eis gelegt.

Das ist nicht ganz richtig. Die Gespräche sind auf Januar vertagt.

Aber die Gespräche sind doch festgefahren?

Ich will da mit Schuldzuweisungen kein Öl ins Feuer gießen. Aber ich würde mir sehr wünschen, dass es in meiner Amtszeit noch zu einer Lösung kommt. Und die läuft noch bis zum 27. Januar.

Wie sehen Sie denn angesichts steigender Unternehmensgewinne überhaupt die Akzeptanz für weitere Einschnitte?

Bei Siemens kommen von einem Ergebnis von über drei Milliarden Euro deutlich weniger als zehn Prozent aus Deutschland, obwohl wir hier etwa zwanzig Prozent des Umsatzes tätigen. Es besteht doch kein Zweifel, dass wir uns um die Konkurrenzfähigkeit des Standorts Deutschland bemühen müssen. Ich möchte nicht, dass wir eine Deindustrialisierung erleben.

Siemens beschäftigt in Deutschland 164 000 Menschen. Wie lange können Sie sich das noch leisten?

An vielen Stellen sind wir absolut wettbewerbsfähig, an einigen anderen Stellen leider nicht. Daran müssen wir arbeiten. Wo wir eine technologische Führerschaft haben, besteht gute Aussicht, die Zahl der Arbeitsplätze in Deutschland zu halten oder gar zu erhöhen. Wo wir in den Strudel des globalen Wettbewerbs geraten, ist es schwierig.

In Deutschland stagniert das Siemens-Geschäft. Schafft Wachstum im Ausland auch Arbeitsplätze im Inland?

Oft ist Wertschöpfung im Ausland vor Ort notwendig, weil das von den Kunden verlangt wird und eben nicht nur aus Kostengründen. Auf vier neue Arbeitsplätze im Ausland kommt einer in Deutschland. Es kann nie eine volle Lokalisierung geben.

Welche Note würden Sie dem Standort Deutschland geben?

Schulnoten will ich nicht verteilen. Teilweise ist der Standort aber exzellent, etwa bei der Infrastruktur oder bei der geographischen Lage im Zentrum Europas. In puncto Innovationskraft sind wir nicht verloren. Auch beim Steuerrecht sehe ich nicht so schwarz. Die effektive Steuerlast für Unternehmen ist sehr viel geringer als die nominale. Aber wir müssen auch an Themen arbeiten: zum Beispiel an der Flexibilität des Arbeitsrechts.

Ihr Wechsel an die Spitze des Aufsichtsrats sorgte auch für Kritik. Ist es richtig, dass der Vorstandschef direkt an die Spitze des Kontrollgremiums wechselt?

Ich habe nicht den Eindruck, dass sich die Diskussion an meiner Person neu entzündet.Es ist doch ziemlich ruhig geworden. Mein Eindruck aus einer Reihe von Gesprächen ist, dass an den Finanzmärkten der Schritt eher begrüßt wird. Ein solcher Wechsel darf natürlich kein Automatismus sein. Aber es ist doch positiv, wenn ein Aufsichtsrat kommt, der wie alle seine Vorgänger das Geschäft versteht. Das gilt gerade für den Siemens-Konzern mit seinen komplexen Strukturen und einem ausgeprägten globalen Geschäft. Der Aufsichtsratschef darf natürlich nicht weiter die Rolle des Vorstandsvorsitzenden spielen oder den Wandel des Unternehmens abbremsen. Die Absicht habe ich wirklich nicht.

Siemens weist die Vorstandsgehälter jetzt einzeln aus. Ihr Gehalt lag 2004 bei 4,6 Millionen Euro. Wie misst man die Leistung eines Vorstandsvorsitzenden?

Da empfehle ich, den Aufsichtsrat zu fragen. Der hat mein Gehalt offenbar als angemessen angesehen. Siemens steht bei den Vorstandsvergütungen nicht gerade an der Spitze.

Aber auch nicht ganz unten, sondern im oberen Drittel der Dax-Unternehmen.

Siemens gehört zu den komplexesten Unternehmen. Und wir haben im abgelaufenen Geschäftsjahr das beste operative Ergebnis der Geschichte erzielt. In einem guten Jahr sind die variablen Teile der Gehälter deshalb gestiegen.

Das Interview führten Caspar Busse und Dirk Heilmann (HB).

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