Wirtschaft : Telearbeit soll dieWende bringen

MARKUS HESSELMANN

Viele Experten hoffen auf zusätzliche ArbeitsplätzeVON MARKUS HESSELMANN

Das Interesse war immens, auf 300 Teilnehmer hatten sich die Organisatoren der Tagung "Telekooperation, Telearbeit, Tele-Learning, Virtuelle Arbeitswelten" eingestellt.Die dreifache Zahl von Buchungen ging ein, die ersten 450 davon wurden schließlich berücksichtigt.Der in der vergangenen Woche von der Senatsverwaltung für Arbeit, Berufliche Bildung und Frauen veranstaltete Kongreß war nur eine von drei Veranstaltungen zur Telearbeit, die innerhalb von sechs Tagen allein in Berlin stattfanden.Zeitgleich bat die Wirtschaftsförderung Berlin am Donnerstag zum "Business Brunch" mit dem Thema "Teleworking - Telelearning - Telekommunikation - Business Communication".Und am heutigen Montag beginnt unter der Schirmherrschaft des Präsidenten der Bundesanstalt für Arbeit, Bernhard Jagoda, eine zweitägige "Internationale Konferenz für Teleworking".Telearbeit ist in aller Munde.Die elektronisch angebundene Erwerbstätigkeit außerhalb des Betriebs wird zum Hoffnungsträger für neue Jobs, kostengünstigeres Wirtschaften und nicht zuletzt selbstbestimmte Beschäftigung hochstilisiert.Aber: "Die Zahl der Veröffentlichungen dazu verhält sich umgekehrt proportional zur tatsächlichen Umsetzung", sagt Hans-Jörg Bullinger, der sich für die Stuttgarter Fraunhofer Gesellschaft mit dem Thema befaßt. Auf gerade einmal 150 000 beläuft sich die Zahl der Telearbeiter in Deutschland.Welt- und europaweit reicht dies nur für einen Platz im Mittelfeld.EU-Primus ist Großbritannien mit derzeit 560 000 Beschäftigten. Als Vorreiter in Sachen Telearbeit sieht sich Berlin."Bei uns ist der Leidensdruck besonders groß", spielt Arbeitssenatorin Christine Bergmann auf die hohe Erwerbslosigkeit in der Stadt an.Durch eigene und EU-Mittel fördert der Berliner Senat derzeit 201 kleine und mittlere Unternehmen mit 7 Mill.DM.Hauptsächlich geht es dabei um die Schaffung von Telearbeitsplätzen.480 Mitarbeiter werden für derartige Jobs qualifiziert.Doch die Experten wissen noch nicht, ob durch Telearbeit tatsächlich neue Jobs gewonnen und nicht nur vorhandene verlagert werden.Optimistische Prognosen wie die des sogenannten Bangemann-Papiers, das von 800 000 zusätzlichen Jobs bis zum Jahr 2000 ausgeht, werden eher skeptisch eingeschätzt."Telearbeit trägt zur Sicherung und Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen bei, nicht unbedingt zur Schaffung von neuen Arbeitsplätzen", sagt Werner Korte, Geschäftsführer des Beratungs- und Forschungsunternehmens empirica, Bonn.Nach einer empirica-Studie führen Firmen Telearbeit ein, um Kosten zu reduzieren, qualifizierte Mitarbeiter zu halten oder zu rekrutieren, ihre Organisation umzustrukturieren, Arbeitsspitzen besser zu bewältigen und um Motivation und Produktivität der Mitarbeiter zu erhöhen.Amerikanische Untersuchungen belegen, daß durch die damit einhergehende größere Flexibilität und Eigenverantwortung eine Produktivitätssteigerung von bis zu 20 Prozent möglich ist.Die Beschäftigten selbst äußern Interesse an Telearbeit, weil sie hoffen, dadurch ihre berufliche Tätigkeit besser mit häuslichen Verpflichtungen kombinieren zu können. Prinzipiell käme Telearbeit für alle mit der Erstellung, Bearbeitung und Weitergabe von Informationen befaßten Berufe in Frage, so der empirica-Forscher Norbert Kordey, der mit Korte das Handbuch "Telearbeit erfolgreich realisieren" verfaßte.Das Potential in Deutschland schätzen die Bonner Forscher auf 2,5 Millionen Telearbeitsplätze. Auch die Gewerkschaften verschließen sich dem Trend nicht mehr, treten aber mit Forderungen auf den Plan.Telearbeiter seien vor dem Abdriften in die Scheinselbständigkeit zu schützen und in punkto Mitbestimmung und sozialer Absicherung mit "normalen" Arbeitnehmern gleichzustellen, fordert die Landesfrauenreferentin der Deutschen Angestellten-Gewerkschaft (DAG) Berlin/Brandenburg, Antje Schumacher.

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