Wirtschaft : Telecom Italia vor dem Verkauf

Rom startet Privatisierung / Politische Krise läßt Kurse fallen / Staat behält Sonderrechte

MAILAND (grö/HB).Mehrere Jahre haben die Vorbereitungen gedauert, aber nun ist es soweit: Mit einem Schätzwert von 16 bis 17 Mrd.DM kommen 44,2 Prozent und damit das gesamte im Besitz des italienischen Schatzamtes liegende Kapital der bisherigen Monopol-Telefongesellschaft Telecom Italia SpA, Turin, in die Hand privater Anleger. Diese bislang größte Privatisierung des Landes spielt sich in mehreren Etappen ab: Der erste Schritt ist bereits getan, indem ein sogenannter "harter Kern" von 14 großen Aktionären zusammengenommen 8,5 Prozent des Kapitals übernimmt und dafür 2 Prozent mehr zahlt als alle anderen Käufer, die jetzt Aktien beziehen.Die Prämie besteht darin, daß diesen Aktionären zusammen sechs von 13 Sitzen im Verwaltungsrat der Gesellschaft zustehen.Für neue Kleinaktionäre reserviert das Schatzamt 700 Mill.Aktien mit 3 Prozent Rabatt und einer weiteren Prämie nach mindestens einjähriger Besitztreue in Gestalt von einer zusätzlichen Aktie auf je zehn.Einen Sitz im Verwaltungsrat ist für diesen Kleinbesitz allerdings nicht vorgesehen.Wohl aber können die 127 000 Mitarbeiter ihre Stimmen für einen Sitz im Verwaltungsrat häufen, falls es ihnen gelingt, zusammen 13 Mill.Aktien und damit 0,25 Prozent des Kapitals zu bestellen und es in einen Pool für Mitarbeiter und Rentner der Telecom Italia einzubringen. Die Mitarbeiter müssen sich jetzt für den Kauf entscheiden, noch bevor am 20.Oktober das offene Kaufangebot an der Börse erfolgt.Der Preis wird voraussichtlich erst am 25.Oktober nach Abschluß des Preisbildungsverfahrens bekannt.Und bis dahin, so hofft inständig der Schatzminister Carlo Azeglio Ciampi, könnten die Wogen der innenpolitischen Krise geglättet sein.Diese Wellen sind nämlich letzte Woche auf die Börse übergeschwappt und haben den Börsenwert der Telecom Italia um gleich um einige Mrd.DM sinken lassen. Den jetzigen Eklat hat Schatzminister Ciampi als kleine Revanche für erlittene Schmach der kommunistischen Partei zu danken.Rifondazione Comunista hatte bis zuletzt mit allen Mitteln gegen die Abgabe der Telecom-Mehrheit gekämpft.Ciampi schuf in einem klugen Schachzug Fakten: Er ließ die Holding Stet und ihre Betriebsgesellschaft Telecom ganz einfach fusionieren.Besaß das Schatzamt vor der Fusion bei beiden Gesellschaften die Mehrheit, so ergab sich nach diesem Schritt, daß die starken Minderheiten der Privataktionäre bei beiden Gesellschaften zusammengelegt eine Mehrheit ergaben und das Schatzamt, schon ohne eine einzige Aktie zu verkaufen, nur noch mit 44,2 Prozent dastand.Ciampi versüßte den Privatisierungsgegnern die bittere Pille, indem er dem Staat Sonderrechte einräumen ließ.Demzufolge hat der Staat sich auch für die Zukunft erheblichen Einfluß auf den Verwaltungsrat vorbehalten, aus dessen Kreis der Vorstand bestimmt wird.Präsident Guido Rossi und Vorstandschef Tomaso Tommasi Di Vignano als staatlich erkorene Herren der Telecom Italia werden also unangefochten weiter walten können.

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