Wirtschaft : Telefonieren im Netz: Unter schwierigen Bedingungen

Maurice Shahd

Es rauscht, es hallt und manchmal ist die Leitung mausetot. Das Telefonieren per Internet ist nicht immer ein Spaß - aber es funktioniert. Voraussetzung hierfür sind ein Multimedia-PC inklusive Mikrofon und eine Software wie der Messenger von Yahoo oder Netmeeting von Microsoft. Das Problem: Die Handhabung der Programme ist nicht gerade einfach und nicht jeder hat Lust, sich für ein Telefonat vor den PC zu setzen. Für den Durchbruch der Technik bei den PC-Nutzern soll jetzt das Betriebssystem von Microsoft sorgen, das im Oktober auf den Markt kommt. Das Windows XP wird ein Programm enthalten, das Anrufe von PC zu PC oder vom PC zum Telefon ermöglicht. Und das in bisher nicht gekannter Qualität. Doch ob der Software-Riese die klassischen Telefongesellschaften das Fürchten lehren kann, ist fraglich. Die schlechte Qualität vieler Gespräche im Web ist nicht allein mit einer ausgeklügelten Software zu beheben und Telefongespräche sind billig wie nie. Doch womöglich hat es Bill Gates gar nicht auf den normalen PC-Nutzer abgesehen. Interessanter ist für ihn der lukrative Markt für Geschäftskunden.

Als vor fünf Jahren der Internet-Hype begann, machten auch etliche Start-ups wie Net2Phone, Deltathree oder Vocaltec mit. Die Pioniere der Web-Telefonie wollten sich von den Telekoms dieser Welt eine dicke Scheibe des gigantischen Telefonmarkts abschneiden. Abgesehen hatten sie es vor allem auf die teuren Ferngespräche. Denn wer das Internet nutzt, kann zum Ortstarif in jedes Land der Welt telefonieren. Doch die Start-ups bekamen die Technik nicht in den Griff, das Rauschen in den Leitungen blieb. "Das öffentliche Internet eignet sich nur schlecht für die Übertragung von Sprache", sagt Christian Brügmann, Vorstand des Internet-Providers Mediascape. Bei der Internet-Telefonie wird die Sprache in kleine Datenpakete zerlegt und dann über das Netz verschickt, wobei die Daten Umwege rund um den Globus machen können. "Da die Datenpakete nicht immer schnell genug beim Empfänger ankommen, knistert es häufig in der Leitung", erläutert Brügmann.

Neben der schlechten Sprachqualität machte die Liberalisierung der Telefonmärkte die Hoffnungen der Entrepreneure auf fette Gewinne zunichte. Heute kosten Ferngespräche nur noch ein Bruchteil dessen, was noch vor einigen Jahren üblich war. Die Telefonunternehmen reagieren daher gelassen auf die Ankündigungen. "Microsoft ist für uns weder eine Gefahr noch eine Konkurrenz", sagt ein Telekom-Sprecher. Doch auch die Telekom bietet Webtelefonie an. "Freecall online" heißt der Service, den Website-Betreiber auf ihren Seiten einrichten können. Die Surfer können via Internet mit einer freundlichen Callcenter-Mitarbeiterin sprechen, um sich beraten zu lassen oder eine Beschwerde los zu werden.

Mit der Verbreitung des Microsoft-Betriebssystems hoffen die Anbieter von Internet-Telefonie jetzt auf einen neuen Schub. "Microsoft hat die Power, einer Technologie zum Durchbruch zu verhelfen", sagt Noam Bardin, Chef von Deltathree. Derzeit werden nur drei Prozent des Telefonverkehrs über das Internet abgewickelt. Doch laut einer Studie der International Telecommunication Union soll das Gesprächsaufkommen in diesem Jahr um 50 Prozent zulegen. Zudem werde die Gesprächsqualität immer besser.

Microsoft wird im Windows XP den neuen Standard Session Initiation Protocol (SIP) verwenden. Ob die neue Software störungsfreie Unterhaltungen ermöglicht, ist unklar, denn das grundsätzliche Problem mit den vagabundierenden Datenpaketen bleibt. Branchenexperten vermuten, dass Microsoft nicht in erster Linie den Markt der heimischen PC-Nutzer im Visier hat. Denn die Profiversion von Windows XP richtet sich an Unternehmen, die über ein eigenes Datennetz verfügen. "In unserem Firmennetz können wir den Datenfluss kontrollieren. Anders als im Internet haben die Sprachdaten oberste Priorität", erläutert Mediascape-Chef Brügmann. Bei Mediascape werden inzwischen alle Telefongespräche über das eigene Datennetz abgewickelt. "Einen Qualitätsunterschied zur herkömmlichen Telefonanlage gibt es nicht."

Vorteil für das Unternehmen: Mediascape braucht nur noch eine Leitung für Daten und Sprache. Niederlassungen können über das interne Datennetz angebunden werden, so dass Telefongespräche innerhalb der Firma praktisch kostenfrei sind. Mit Windows XP haben die Unternehmen in Zukunft automatisch eine Software für die Internet-Telefonie parat. Damit sichert Microsoft seine Position im wichtigen Markt für Profi-Betriebssysteme gegen die Konkurrenz von Linux und Unix. Profitieren könnten von dem Trend auch die Start-ups. Eine Software der Schweizer Media-Streams ermöglicht die Internet-Telefonie mit dem Mailprogramm Outlook. Ein herkömmliches Telefon gibt es dabei nicht mehr. Der Telefonhörer wird direkt in die USB-Schnittstelle des Computers gesteckt.

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