Telekom-Affäre : „Krisenmanagement der besonderen Art“

Im Auftrag des Konzerns werteten Agenturen die Daten aus: Wie die Detektive für die Telekom arbeiteten.

Ralf Schönball

Berlin - Die „äußerst bedrohliche Lage“, in der sich die Telekom befinde, rechtfertige auch „ungewöhnliche Maßnahmen“. So argumentieren Detektive, die im Auftrag des Konzerns tätig gewesen sind. Zu einer Notlage sei der wiederholte Geheimnisverrat – also die Veröffentlichung vertraulicher Informationen aus Vorstands- und Aufsichtsratssitzungen – auch im Bereich „Sicherheit“ der Telekom erklärt worden. Denn man befürchtete, dass diese Indiskretionen den Aktienkurs hätten gefährden können. In der Konsequenz sei man bei der Einsetzung „operativer Maßnahmen“ nicht zimperlich gewesen, berichten Insider.

Nach Tagesspiegel-Informationen erfolgte die Auswertung von telefonischen Verbindungsdaten in zwei Etappen. In der ersten Phase soll die Abteilung Sicherheit des Konzerns einem bereits vorliegenden Verdacht gegen Konzernbetriebsratschef und Aufsichtsratsmitglied Wilhelm Wegner und eines Journalisten des Magazins Capital nachgegangen sein. Deshalb soll die Überprüfung ihrer telefonischen Kontaktdaten bei der Firma Network.Deutschland GmbH in Auftrag gegeben worden sein. Die kleine Firma ist keine Detektei, sie ist spezialisiert auf die Auswertung großer Datenmengen, zum Beispiel von Lagerbeständen. Als sie den heute so umstrittenen Auftrag bekam, war sie bereits seit einigen Jahren Auftragnehmerin der Telekom.

Die delikate und möglicherweise gesetzeswidrige Aufgabe soll zu dem üblichen Stundensatz der Firma entlohnt worden sein. Da sich der Auftrag über Monate hinzog, sollen Forderungen in Höhe von mehreren Hunderttausend Euro entstanden sein. Am Ende der Ermittlungen soll der Nachweis eines einzigen Telefonkontakts zwischen dem Journalisten und dem Arbeitnehmervertreter aus dem Aufsichtsrat gestanden haben.

Die Bespitzelung von Journalisten und Telekom-Mitarbeitern war damit aber offenbar nicht beendet. Der zweite Auftrag an die Berliner Firma soll im Aufbau eines „Frühwarnsystems“ zur Vorbeugung von „Geheimnisverrat“ bestanden haben. Dieser soll aus einer Auswertung aller Presseberichte über den Konzern bestanden haben und einer nachfolgenden Auslese jener Veröffentlichungen, die auf interne Informationen schließen ließen. Auf diese Weise soll der Konzern drei Journalisten und zwei Autoren ins Visier genommen und deren Verbindungsdaten in die Telekom hinein überprüft haben. Neben einem Dutzend unverdächtiger Telefonate mit der Pressestelle des Hauses soll das ein Dutzend weiterer Kontakte in die Telekom-Zentrale betroffen haben. Doch auch in diesen Fällen soll sich herausgestellt haben, dass es sich um harmlose Interview-Anfragen handelte, die der Konzernsicherheit bereits bekannt gewesen seien.

Die zweite Phase des Projekts soll neun Monate gelaufen sein. Aufgegeben habe man dieses schließlich deshalb, weil kaum noch Interna aus dem Konzern in die Öffentlichkeit gelangt seien. Eine systematische Bespitzelung soll es nicht gegeben haben. Die Operation soll nur dem Ziel gedient haben, herauszufinden, welche Durchwahlen von Journalisten genutzt wurden und damit auch: welche Personen im Konzern Pressekontakte gehabt hatten.

Nach dieser Darstellung war die Entdeckung der Kontakte zwischen dem Chef des Konzernbetriebsrats, Wilhelm Wegner, und dem Capital-Journalisten Reinhard Kowalewsky der entscheidende Schritt, um die Veröffentlichungen von Telekom-Interna zu stoppen. Wegner soll bei einem Vier-Augen-Gespräch mit einem damaligen Aufsichtsratsmitglied eingeknickt sein, das Beweise für Wegners Kontakte mit dem Journalisten vorgelegt haben soll.

Insidern zufolge war dieser Erfolg den vom Konzern eingeleiteten „operativen Maßnahmen“ zu verdanken. So soll ein Detektiv auf den Fall angesetzt worden sein, der die Kontakte zwischen Wegner und dem Capital-Journalisten bezeugt haben soll. Die Aussagen sollen Wegner derart unter Druck gesetzt haben, dass er die Kontakte eingeräumt habe. Zu den Auftragnehmern soll eine Firma zählen, die nach eigenen Worten „Krisenmanagement der besonderen Art“ bietet. Ralf Schönball

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