Wirtschaft : Telekom: Bilanz mit Sondererlösen aufpoliert

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Mitte Juni war die Aktie der Deutschen Telekom noch stark gefragt. Die jüngste Platzierung von 200 Millionen T-Aktien war 3,5-fach überzeichnet. Der Emissionspreis lag bei 66,50 Euro. Doch seither ist der Kurs der T-Aktie wieder auf dem Weg nach unten. Und seit die Telekom die Übernahme der US-Mobilfunkfirma Voicestream bekanntgab, hat sich der Druck auf die T-Aktie noch verstärkt. Viele Marktbeobachter sagen, der für Voicestream gebotene Preis sei zu hoch. Nach der Bekanntgabe der Halbjahreszahlen zog der Telekom-Kurs am Donnerstag um knapp ein Prozent auf 51,50 Euro an. Die Aktie war damit allerdings nicht einmal mehr halb so viel wert wie im März, als sie ihren Höchststand bei einem Kurs von 104,90 Euro erreicht hatte.

Die jetzt von der Telekom präsentierten Halbjahreszahlen hätten im Rahmen der Erwartungen gelegen, erklärten Analysten. Der Nettogewinn habe allerdings am unteren Ende der erwarteten Spanne gelegen, sagte sowohl Ralf Hallmann, Telekom-Analyst der Bankgesellschaft Berlin, als auch Holger Grawe, Analyst bei WestLB Panmure. Allerdings habe wiederum die Kundenentwicklung im Bereich Mobilfunk positiv überrascht. Wer jetzt aggressiv Marktanteile im Mobilfunk kaufe, müsse hohe Akquisitionskosten in Kauf nehmen, sagt Grawe. "Dies geht zu Lasten der Margen." Wer aber jetzt viele Kunden gewinne, der könne ihnen demnächst die neuen Dienste anbieten, die mit der neuen Mobilfunkgeneration UMTS auf den Markt kommen werden. "Die Ausgaben werden sich mit der Zeit rechnen", sagt Hallmann. "Die Kundenbasis, die die Telekom jetzt gewinnt, ist die Basis für künftiges Wachstum."

Auf absehbare Zeit rechnet Michael Schatzschneider, Analyst bei der BHF-Bank, nicht mit steigenden Gewinnen bei der Telekom. "Auf das Unternehmen kommen Goodwill-Abschreibungen in enormer Höhe zu", sagt er. Allein drei Milliarden Euro müsse die Telekom für Markennamen und Kundenstamm von Voicestream jährlich abschreiben, sagt Grawe von WestLB Panmure.

Die Druck der geplanten Voicestream-Übernahme auf den Kurs hält an. "Solange die Übernahme in der Schwebe ist, wird dies den Kurs weiter belasten", sagt Schatzschneider. Schwer kalkulierbar seien auch die politischen Rahmenbedingungen, sagt Hallmann von der Bankgesellschaft. Einige US-Senatoren wollen den Voicestream-Kauf durch die Telekom verhindern, da die Telekom noch überwiegend im Besitz des deutschen Staates sei. Das Risiko, dass die Übernahme aus diesem Grund scheitert, schätzt Hallmann auf etwa 20 Prozent.

Die Bankgesellschaft hat die T-Aktie zur Zeit auf "Akkumulieren" gesetzt, das heißt, sie empfiehlt, die Aktie in einer Schwächephase zuzukaufen. Schatzschneider von der BHF-Bank stuft die T-Aktie auf Sicht von sechs Monaten auf "Halten" ein. Grawe von WestLB Panmure sieht den fairen Wert der T-Aktie auf Jahressicht bei 75 Euro, sagt also: kaufen. "Der Kursrückgang ist eine Überreaktion des Marktes. Jetzt sollte man auf keinen Fall verkaufen und Verluste realisieren", sagt Grawe. Zwei Gründe nennt er für seine positive Einschätzung: Zum einen sehen die Strategen seiner Bank den gesamten Markt der Technologiewerte wieder im Aufwind. Andererseits stimme die Strategie der Telekom.

Die Telekom konnte mit Erlösen aus Beteiligungsverkäufen im ersten Halbjahr 2000 ihre Bilanz kräftig aufpolieren. Das wurde am Donnerstag bei der Vorlage der vorläufigen Halbjahreszahlen in Bonn deutlich. Unter anderem durch den steuerfreien Verkauf des Anteilspakets an Global One habe sich der Konzernüberschuss von 0,95 Milliarden Euro auf 4,3 Milliarden Euro (8,4 Milliarden Mark) mehr als vervierfacht, teilte die Telekom mit. Zu den positiven Sondereinflüssen zählten außerdem die Buchgewinne aus dem Börsengang der Tochtergesellschaft T-Online im April.

Berücksichtigt man die Sondereinflüsse nicht, so verzeichnete die Telekom dagegen einen Rückgang des Konzerngewinns um 200 Millionen auf 750 Millionen Euro. Diesen Rückgang begründet die Telekom mit dem anhaltend hohen Teilnehmerwachstum im Mobilfunk und den damit verbundenen hohen Kosten für die Gewinnung neuer Kunden.

Im ersten Halbjahr 2000 konnte die Telekom nach den vorläufigen Zahlen 15 Prozent mehr umsetzen als im Vorjahr. Der Umsatz kletterte auf 19,3 Milliarden Euro. Dieser Anstieg sei insbesondere auf die erstmalige Einbeziehung der Tochterfirmen One-2-One (Großbritannien), Siris und Club Internet (beide Frankreich) zurückzuführen. Ohne diese Firmen habe der Umsatz um rund sechs Prozent über dem entsprechenden Vorjahreswert gelegen.

Glänzend entwickelte sich wieder das Mobilfunkgeschäft: Insgesamt betrug der Kundenzuwachs in den ersten sechs Monaten bei allen Tochtergesellschaften zusammen sieben Millionen. Über die Netze von D1, One-2-One, Maxmobil (Österreich) und Westel (Ungarn) telefonierten Ende Juni insgesamt 22,6 Millionen Kunden. Mit 13,4 Millionen entfiel der größte Teil auf D1. T-Mobil habe in den ersten sechs Monaten mehr Kunden akquiriert als im gesamten Vorjahr. Auch das Volumen der Nutzung des Online-Dienstes sei deutlich gestiegen. Die Telekom-Tochter T-Online konnte ihre Marktführerschaft in Europa mit sechs Millionen Kunden weiter ausbauen.

Gestiegen sind auch die Schulden des Unternehmens: So kletterten die Finanzverbindlichkeiten auf 49,9 Milliarden Euro, knapp acht Milliarden Euro mehr als am Jahresanfang. Die Erhöhung begründete die Telekom mit der Aufnahme von Mitteln (2,4 Milliarden Euro) zur Finanzierung der UMTS-Lizenz der britischen Tochter One-2-One. Die Verschuldung des Telefonkonzerns wird im nächsten Quartal weiter ansteigen: Dann sollen auch die Mittel aus der Anfang Juni ausgegebenen globalen Industrie-Anleihe von knapp 15 Milliarden Euro (30 Milliarden Mark) erfasst werden.

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