Wirtschaft : Telekom lässt sich Daten klauen

17 Millionen Adressen und Mobilfunknummern wurden entwendet, darunter auch die von Prominenten

Corinna Visser

Berlin - Die Deutsche Telekom hat einen neuen Datenskandal. Im Jahr 2006 sind dem Bonner Konzern nach eigenen Angaben Daten von 17 Millionen Kunden gestohlen worden. Jetzt sind die Daten wieder aufgetaucht und dem „Spiegel“ zugespielt worden. Die Daten umfassen der Telekom zufolge neben Namen und Anschrift die Mobilfunknummer, teils das Geburtsdatum und in einigen Fällen auch die E-Mail-Adresse der Kunden. Das Pikante daran: Darunter waren auch die Daten zahlreicher Prominenter aus Kultur und Gesellschaft wie etwa Hape Kerkeling und Günther Jauch. Schlimmer noch: Den Datendieben fielen offenbar auch die geheimen Nummern und privaten Adressen von Politikern, Ministern, Ex-Bundespräsidenten und Glaubensvertretern in die Hände. Das berichtet der „Spiegel“, dem die Datensätze vorliegen. Für diese Personen stelle eine Verbreitung ihrer Kontaktdaten in kriminellen Kreisen eine Bedrohung ihrer Sicherheit dar.

Das Bundesinnenministerium ließ deshalb vom Bundeskriminalamt (BKA) eine Gefährdungsanalyse erstellen, wie eine Sprecherin auf Anfrage mitteilte. „Wir kümmern uns, wir sind da dran.“ Das Ministerium sei erst in der vergangenen Woche über die Vorfälle informiert worden. Nähere Einzelheiten wollte sie nicht mitteilen.

Immerhin: Die Datensätze enthalten nach Angaben der Telekom keine Bankverbindungen, Kreditkartennummern oder Verbindungsdaten. Die Telekom hatte den umfangreichen Datenklau im Frühjahr 2006 selbst festgestellt und nach eigenen Angaben bei den zuständigen Staatsanwaltschaften zur Anzeige gebracht. „Wir haben auch selbst den Schwarzmarkt genau beobachtet“, sagte ein Telekom-Sprecher. Es habe keine Anhaltspunkte gegeben, dass die Daten weitergegeben oder angeboten wurden. „Wir haben auch keine erhöhten Kundenbeschwerden festgestellt oder Wünsche, die Rufnummer zu ändern“, sagte der Sprecher. Man habe den Datendiebstahl nicht öffentlich gemacht, weil es kein Indiz für einen Handel oder Missbrauch der Daten gegeben habe und man den Erfolg der staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen nicht gefährden wollte. Doch nun sind die Daten wieder aufgetaucht. Laut „Spiegel“ wurden sie bereits im Internet in kriminellen Kreisen angeboten.

„Dass dieser Fall aus 2006 uns erneut beschäftigt, trifft uns sehr. Wir gingen bisher davon aus, dass diese Daten im Rahmen der staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen in vollem Umfang sichergestellt wurden“, ließ Philipp Humm, Geschäftsführer T-Mobile Deutschland, am Samstag erklären. „Ungeachtet der Tatsache, dass die Täter mit erheblicher krimineller Energie vorgingen, bedauern wir, dass wir die Daten unserer Kunden nicht unseren Ansprüchen gemäß schützen konnten.“

Die Opposition forderte rechtliche Konsequenzen: Die umstrittene Vorratsdatenspeicherung müsse sofort zurückgenommen werden, erklärte der Grünen-Parlamentsgeschäftsführer Volker Beck am Samstag in Berlin. Die Daten der Bürger seien bei der Deutschen Telekom nicht sicher. „Wir brauchen umgehend ein neues, restriktives Datenschutzrecht“, erklärte Bundestagsvizepräsidentin Petra Pau (Linke). „Das Mindeste, was sofort zu erwarten wäre, ist, dass diese 17 Millionen Bürger davon in Kenntnis gesetzt werden“, forderte Pau.

Der Sprecher der Staatsanwaltschaft Bonn, Fred Apostel, sagte dem Tagesspiegel am Sonntag, dass die Behörde seit 2006 gegen mehrere Personen ermittelt, die Telekom-Daten angeboten haben sollen. Ob es sich dabei um Mitarbeiter der Telekom handelt, sagte er nicht. Es habe Durchsuchungen gegeben. Unklar sei aber, ob die nun aufgetauchten Daten mit denen identisch seien, die bereits zuvor angeboten wurden. „Bisher ging es nicht um Daten in einer solchen Menge“, sagte Apostel. „Wir ermitteln weiter.“

Nach Angaben des Telekom-Sprechers hat der Konzern nach dem Vorfall die Sicherheitsmaßnahmen im Unternehmen verschärft. So seien etwa der Passwortschutz erhöht und die Zahl der zugriffsberechtigten Personen reduziert worden. Zudem würden die Zugriffe auf die Kundendaten schärfer überwacht. Kunden können sich bei der kostenlosen Hotline (0800/330 034 505) informieren und auf Wunsch gebührenfrei ihre Mobilfunknummer ändern lassen. T-Mobile, die Mobilfunktochter des Konzerns, ist seit Jahren der größte Mobilfunkanbieter in Deutschland mit derzeit über 38 Millionen Kunden im Inland.

Die Deutsche Telekom kommt seit Monaten wegen immer neuer Daten-Skandale aus den Schlagzeilen nicht heraus. Zuletzt war bekannt geworden, dass prominente Gewerkschafter wie DGB-Chef Michael Sommer ausgespäht wurden. Er sitzt im Aufsichtsrat der Telekom. Das Unternehmen hatte im Mai die Ermittlungsbehörden eingeschaltet, nachdem intern Anhaltspunkte gefunden worden waren, dass mehrere Journalisten überwacht worden waren. Die Telekom hat bereits eingestanden, dass in den Jahren 2005 und 2006 Telefonverbindungen zwischen Journalisten und Aufsichtsratsmitgliedern abgeglichen wurden, um undichte Stellen im Konzern aufzudecken.

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