Wirtschaft : Telekom-Riesen bauen auf die Nachsicht der Kartellwächter

BRIAN GRULEY

AT & T kauft das größte Kabelfernsehunternehmen der USA und kurz darauf einen weiteren riesigen Kabelbetreiber.- Die sieben "Baby Bells", Teilkonzerne des zerschlagenen Telekom-Giganten Ma Bell, kaufen einander auf, bis nur noch fünf übrigbleiben, und bald könnten es nur noch vier sein.- Die Deutsche Telekom will mit der Telecom Italia fusionieren.

Obwohl sich Fusionen und Übernahmen häufen, äußern Aufsichtsbehörden und Gesetzgeber auf beiden Seiten des Atlantik beständig ihre Befürchtung, alle Telefon-, Fernseh- und Internetdienste könnten unter die Kontrolle weniger großer und mächtiger Unternehmen geraten.Aber bisher hat die gleiche US-Regierung, die Microsoft wegen angeblich wettbewerbswidrigen Verhaltens vor Gericht gestellt hat, wenig getan, um die Fusionsmanie in der Telekommunikationsbranche zu stoppen.Gleichzeitig hat die Europäische Union British Telecommunications nur mit geringen Auflagen erlaubt, eine Allianz mit AT & T einzugehen.

Warum? In den USA setzt die Politik darauf, daß die Fusionswelle irgendwann zu niedrigeren Preisen und besserem Service führt.Also zu dem, was man vom Gesetz zur Deregulierung der Telekommunikation aus dem Jahr 1996 erwartet.Ob die Rechnung allerdings aufgeht, wird angesichts ständig steigender Gebühren bei Kabelfernsehen und Telefon immer fraglicher.Zudem fällt es Aufsichtsbehörden zunehmend schwer, Einwände gegen Fusionen in der Telekommunikationsbranche zu erheben.Dies zum Teil, weil im Zeitalter superschneller Computer, digitaler Leitungen und des Internets die Trennlinien zwischen den Geschäftsfeldern unklar geworden sind.Noch verschwommener werden die Trennlinien, wenn AT & T wie geplant Media One für 58 Mrd.Dollar übernimmt, nachdem es gerade erst den Kabelbetreiber Tele-Communications gekauft hat.Dann könnte AT & T nicht nur amerikanische Haushalte mit einem Paket aus Telefon-, Video- und schnellen Internetdiensten versorgen.Die Bündelung würde zudem einen Giganten schaffen, der einen großen Teil der Leitungen kontrolliert, die Ton, Video und Daten in die Haushalte bringen.

In Europa haben Aufsichtsbehörden noch die Vorteile der erst kürzlich erfolgten Deregulierung vor Augen und stehen neuen Megafusionen von Unternehmen der Telekommunikation und anderen Branchen mißtrauisch gegenüber.So hat EU-Wettbewerbskommissar Karel Van Miert signalisiert, nur dann die Fusion von Deutscher Telekom und Telecom Italia zu genehmigen, wenn die Deutsche Telekom ihren Kabelfernsehbereich ausgliedert.Verhindern will er damit genau die Verbindung von Telefon und Kabel-TV, die AT & T mit der Übernahme von Media One im Auge hat.Solche Restriktionen im Bereich des Kabelfernsehens zwingen die ehemaligen europäischen Telefonmonomopole, sich nach anderen Alternativen umzusehen, wenn sie Multimedia liefern wollen.

AT & T rechnet fest damit, daß die Aufsichtsbehörde die Übernahme von Media-One genehmigt.Doch die Wettbewerbshüter und der Gesetzgeber stehen noch vor einer schwierigen Frage: Sollen sie einerseits die Entstehung eines neuen Monopols genehmigen, weil dieses das Monopol bei Ortsgesprächen aufbrechen könnte, andererseits aber zugleich eine Machtkonzentration im Internet riskieren? Die Antwort darauf ist für die Telekommunikationsbranche von großer Bedeutung.Der Wirtschaftszweig ist für die US-amerikanische und die europäischen Volkswirtschaften zu Beginn des 21.Jahrhundert so notwendig, wie es der Stahl zu Anfang des 20.Jahrhunderts war.Die Gründe sind zahlreich, warum Politiker von Fusionen in der Telekommunikation weitgehend die Hände gelassen haben.

Als die US-Regierung 1982 den Monopolisten Ma Bell in AT & T und sieben regionale Telefonunternehmen mit dem Spitznamen "Baby Bells" zerschlug, war ihr Ziel, den Wettbewerb bei Ferngesprächen zu fördern.Dagegen nahm die Aufsichtsbehörde das Monopol bei Ortsgesprächen hin, weil sie es als natürliches Monopol ansah.Kaum einer konnte sich damals vorstellen, daß ein Kabelbetreiber eines Tages einen lokalen Telefondienst oder ein Telefonunternehmen Fernsehen anbieten könnte.

Jetzt will AT & T mit den Bells konkurrieren.Politiker können dem Angebot schwer widerstehen."Damit könnten Konsumenten endlich die Auswahl haben, die mit dem Gesetz von 1996 bezweckt wurde", sagt Senator Conrad Burns, ein Repulikaner aus Montana, der eine wichtige Rolle in der Telekommunikationspolitik spielt.Washington würde bei den meisten Branchen nicht hinnehmen, daß sie von zwei Unternehmen dominiert werden.Aber in der Telekommunikation ist ein Duopol allemal besser als das jetzige Monopol.

Joel Klein, Chef der Wettbewerbs-Aufsicht beim Justizministerium, hat zwar gewagt, Microsoft vor Gericht zu bringen.Doch hat Klein viele Fusionen großer Telekommunikationsunternehmen erlaubt, darunter die Übernahme von Nynex durch Bell Atlantic im Jahr 1997, den Kauf von Ameritech durch SBC Coummunications sowie Bell Atlantics Übernahme von GTE.Er hat die letzten beiden Akquisitionen indes nur unter der Auflage erlaubt, daß die Unternehmen überlappendende Geschäftsbereiche verkaufen.

Abgesehen von Primestar haben die Telekommunikations-Übernahmen mitten in das Herz des Antitrust-Gesetz getroffen.Um ein Gericht von der Verhinderung einer Fusion zu überzeugen, muß die Antitrust-Behörde zeigen, daß der Zusammenschluß den Wettbewerb erheblich verringert und, als Folge, den zusammengeschlossenen Unternehmen die Erhöhung der Preise erlaubt.Doch es ist schwierig nachzuweisen, daß der Wettbewerb dort leidet, wo keiner besteht, wie bei der Fusion zweier Unternehmen, die niemals Konkurrenten waren.Klein stand vor diesem Dilemma im Fall der Übernahme von Nynex durch Bell Atlantic.Die beiden riesigen Unternehmen dominierten lukrative Märkte von Boston bis Washington.Aber sie hatten nie Seite an Seite im Wettbewerb gestanden.Jedes der Unternehmen hat praktisch einen 100prozentigen Anteil an seinem Markt, und die Fusion würde daran nichts ändern.Wettbewerbshüter Joel Klein wird ein ähnlich schwieriges Problem nun bei der geplanten Fusion von AT & T und Media One zu lösen haben.

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