Wirtschaft : Telekom und Voicestream: Das deutsche Unternehmen steigt in die Oberliga auf

William Boston

Mit der Akquisition der US-Mobilfunkgesellschaft Voicestream ist Telekom-Chef Ron Sommer in die obere Liga der amerikanischen Mobilfunkanbieter aufgestiegen. Damit wird klar, warum er in seinen Mittagspausen vom Vorstandskollegen und gebürtigem Bostoner, Jeffrey Hedberg, Nachhilfe in Baseball bekam. Sommer bereitete sich auf sein Debüt in der obersten Spielklasse vor: Ihm gebührte die Ehre, den Eröffnungsball im Spiel von Seattles Baseballmannschaft zu werfen. Der Auftritt wurde inszeniert, um Werbung auf dem amerikanischsten aller Schauplätze zu machen. "Hedberg meinte, wenn wir nach Amerika gehen, muss ich wissen, wie man einen Baseball wirft", sagt Sommer scherzhaft. "Aber soviel weiß ich: Ich will es besser machen als Bush. Sowohl sein Vater als auch er haben falsch geworfen."

Ron Sommer sollte sich von nun an vergewissern, dass all seine Würfe weiterhin tadellos sind. Die Telekom hat einiges auf Voicestream als Zugpferd gesetzt, um den weltweiten Marktführer im Mobilfunk, Vodafone Plc, einzuholen. Das Mobilfunknetz der Telekom weist auf wichtigen europäischen Märkten noch Lücken auf, in den USA ist der deutsche Konzern ein Startup-Unternehmen und die Präsenz in Asien lässt zu wünschen übrig. Durch Beteiligungen an T-Mobil hatte die Telekom Ende des ersten Quartals etwa anteilsmäßig 38 Millionen Kunden - auf Grund der Beteiligungen wird nicht jeder Kunde als ganzer Kunde gezählt. Vodafon hatte vergleichsweise ganze 83 Millionen Kunden. Grafik: Die Matadore auf dem Mobilfunkmarkt Hinter dem hohen Einsatz stecken aber auch persönliche Gründe. Ron Sommers Job hängt unter anderem davon ab, wie erfolgreich er es mit US-Marktgrößen wie Verizon Wireless, Cingular und AT&T Wireless aufnehmen kann. Erst vergangene Woche musste sich Sommer vor seinen Aktionären wegen der katastrophalen Kursentwicklung der T-Aktie verantworten. Außerdem sitzt ihm die Bundesregierung, die mit 46 Prozent Hauptaktionär der Telekom ist, im Nacken: Seit sich der Bund vor einem Jahr von einem Aktienpaket trennte, ist der Kurs um 70 Prozent eingebrochen. Sommer sollte für bessere Aktienpreise sorgen, ehe die Regierung im kommenden Jahr weitere Anteile verkauft. Im Falle seines Scheiterns liegt es nahe, dass die Regierung ihn durch einen neuen Vorstandschef ersetzt.

Noch vor sechs Jahren war die Deutsche Telekom ein staatliches Unternehmen. Für Investitionen im Ausland waren ihr die Hände gebunden. Seit dieser Zeit hat sich das Unternehmen zu einem Mobilfunkanbieter mit fast 40 Millionen Kunden und Tochtergesellschaften in 15 Ländern gemausert. Erst vor kurzem wurde die Mobilfunksparte der Telekom unter T-Mobil vereint. Der Bereich Mobilfunk hat laut Analysten einen Wert von 103 Milliarden Euro. Das entspricht 50 Prozent des gesamten Unternehmenswerts der Telekom. Darin inbegriffen sind die Anbieter T-Mobil in Deutschland, One-2-One in Großbritannien, Voicestream und Powertel in den USA und max.mobil in Österreich, aber auch Beteiligungen in Ungarn, Polen, Tschechien, Indonesien, Russland und der Ukraine. Nicht eingerechnet sind allerdings die 60 Prozent der T-Mobil-Anteile an T-Motion oder die Beteiligungen an dem holländischen Mobilfunkanbieter Ben.

Aus dem letzte Woche veröffentlichten Gewinnbericht für das erste Quartal nahm die Telekom zum ersten Mal die Ergebnisse für T-Mobil heraus. T-Mobil wies Einnahmen von 2,7 Milliarden Euro aus, die Vorsteuerverluste lagen bei 662 Millionen Euro. Laut Telekom sind die Vorsteuerverluste auf die Abschreibung der Kosten für die UMTS-Lizenzen zurückzuführen. Die Übernahme von Voicestream wird zunächst für noch mehr finanziellen Druck sorgen. Pro Voicestream-Anteil tauscht die Telekom 3,66 T-Aktien und zusätzlich 15,7 Dollar. 1,2 Milliarden neue Aktien wurden ausgegeben. Weiterhin übernimmt die Telekom Schulden von Voicestream in Höhe von fünf Milliarden Dollar. Vier Milliarden Dollar sollen in den nächsten zwei Jahren investiert werden, um das nationale Netz der neuen Tochter in der GSM-Technik zu erweitern.

Mit dem bevorstehenden Vertragsabschluss gab der Kurs der T-Aktie in den vergangenen Wochen erneut nach. Das könnte sich jedoch ändern, wenn Voicestream nach dem Netzausbau Kundenwerbung macht und Gewinne einfährt. Analysten erwarten, dass Voicestream bis 2004 annähernd zwei Milliarden Euro Gewinn vor Steuern, Zinsen, Abschreibungen und Amortisation erwirtschaften könnte. Trotzdem sehen viele Investoren die Akquisition als strategisch wichtigen, aber zu teueren Zug. Sie erwarten nun von Ron Sommer, dass sich der Zusammenschluss bezahlt macht.

Für Telekom-Chef Sommer steht fest, dass dem amerikanischen Mobilfunk-Markt ein steiles Wachstum bevorsteht. Der US-Markt ist durch inkompatible Mobilfunkstandards zersplittert, wobei die analogen Netze dominieren. Mit Hilfe von Voicestream schafft die Telekom den Sprung in die schnellere Digitaltechnik. "Wir kommen genau zur rechten Zeit auf den Markt", sagt Sommer. "Selbst die größten Mobilfunkanbieter dort haben US-weit bloß 20 Millionen Kunden. Soviel haben wir allein in Deutschland."

Kai-Uwe Ricke, Vorstandsmitglied der Telekom und Verantwortlicher für die Bereiche Mobilfunk und Internet, berichtete, dass T-Mobil mit Abschluss des Voicestream-Deals neue Tarife einführen wird. Mit diesen kann der Kunde auf beiden Seiten des Atlantiks mit ein und demselben Handy telefonieren, ist unter seiner Nummer erreichbar und hat auf alle Serviceleistungen in den USA und in Europa Zugriff. "Wir werden ein neues Team aus internationalen Topmanagern aufstellen und uns den Herausforderungen des globalen Mobilfunkmarkts stellen", verkündete Ricke. T-Mobil hat jedoch noch einen langen Weg vor sich, ehe man tatsächlich von einem weltweiten Akteur sprechen kann. In den US-Markt hat sich das Unternehmen mit Voicestream gerade erst eingekauft. In Europa muss es erst noch auf strategisch wichtigen Märkten wie Frankreich, Italien oder Spanien Fuß fassen. Auf dem asiatischen Markt verfügt die Telekom zwar über einige Beteiligungen, aber man prüft bereits einen möglichen Rückzug.

Die größte Herausforderung für T-Mobil und seine Gegenspieler bleibt, aus der nächsten Generation des Mobilfunks einen profitablen Geschäftszweig zu machen. T-Mobil ist der Meinung, dass die Internet-Handys der nächsten Generation bis 2009 die durchschnittlichen Einnahmen pro Kunde auf 60 Euro verdoppeln werden. Analysten sind eher skeptisch. Denn trotz aller Zukäufe ist T-Mobil vom Global Player noch weit entfernt. "Vadofone ist weltweit immer noch besser positioniert als die Telekom und hat auch in den USA die deutlich bessere Marktposition", sagt Klaus Martini von der DWS Beteiligungsgesellschaft, die fast ein Prozent der Telekom Aktien hält.

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