Wirtschaft : Telekom versucht den Neustart

Neuer Chef Kai-Uwe Ricke wird von Altlasten befreit – Rekordverlust von 24 Milliarden Euro

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Bonn (vis). Der neue Vorstandschef der Deutschen Telekom, KaiUwe Ricke, will die Führungsstruktur umbauen und die einzelnen Sparten stärken: „Der Markt entscheidet, nicht die Zentrale.“ Als vorrangige Ziele nannte er, die „konsequente Entschuldung und organisches Wachstum“. Begleitet wird der sofortige Amtsantritt Rickes von einem Rekordverlust der Telekom über 24,5 Milliarden Euro.

Ricke war am Donnerstagmorgen wie erwartet vom Aufsichtsrat einstimmig zum neuen Vorstandsvorsitzenden berufen worden. Aufsichtsratschef Hans-Dietrich Winkhaus sagte, er sei froh, nach einem „nur kurzem Suchprozess“ einen überzeugenden Kandidaten präsentieren zu können. Ricke tritt die Nachfolge von Ron Sommer an, der im Juli zurückgetreten war, weil er keine Unterstützung im Aufsichtsrat mehr hatte. In der Zwischenzeit hatte Helmut Sihler das Unternehmen übergangsweise geführt.

Winkhaus und Sihler waren heftig für die Nachfolgesuche kritisiert worden. Vom Ex-Bertelsmann-Chef Thomas Middelhoff über den Infineon-Vorstandsvorsitzenden Ulrich Schumacher bis Post-Chef Klaus Zumwinkel wurden immer neue Namen genannt, doch die vermeintlichen Kandidaten dementierten postwendend. „Wir haben aus einer Reihe von hervorragenden Leuten eine gute Wahl treffen können“, sagte Sihler. Man habe nur eine einzige Absage bekommen, von einem Mann, „dessen Name in der Zeitung bisher nicht genannt wurde“.

Noch eine weitere wichtige Entscheidung hat der Aufsichtsrat am Donnerstag getroffen: Die Dividende soll ausfallen. 2002 hatte die Telekom 1,6 Milliarden Euro ausgezahlt, davon fast 670 Millionen Euro an den Bund, der 43 Prozent der Telekom-Anteile hält. Für den Bund, der indirekt über die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) 34 Prozent der Aktien hält, bedeutet das erneut weniger Einnahmen. Ein Sprecher des Finanzministeriums kommentierte den Dividendenausfall aber als undramatisch.

Vor dem Antritt Rickes hat der Konzern „reinen Tisch“ gemacht. Nach einer viermonatigen Strategieüberprüfung nimmt die Telekom Sonderabschreibungen in Höhe von 22 Milliarden Euro vor. Damit hat der Konzern in den ersten neun Monaten einen Verlust von 24,5 Milliarden Euro angehäuft. „Das ist eine gewaltige Zahl“, sagte Interimschef Sihler. „Aber wir glauben, dass es für die Zukunft wichtig ist, den Tatsachen ins Auge zu sehen.“ Bei der Überprüfung war die Telekom zur Überzeugung gelangt, dass ihre Erwartungen über die Entwicklungen in der Mobilfunkindustrie zu optimistisch waren. Allein für die in den USA erworbenen Mobilfunklizenzen schreibt die Telekom jetzt 9,6 Milliarden Euro ab, auf den Firmenwert der US-Mobilfunktochter T-Mobile USA (früher: Voicestream) zusätzlich 8,4 Milliarden Euro. Jetzt steht T-Mobile USA noch mit 16 Milliarden Euro in den Büchern, 39 Milliarden Euro hatte Voicestream 2001 gekostet.

Laut Ricke ist in den vergangenen vier Monaten im Konzern alles auf den Prüfstand gestellt worden: „Wir haben alles einmal umgedreht.“ Sein Ergebnis: „Die Lage der Deutschen Telekom ist ernst“, auch wenn die operative Entwicklung in den vergangenen neun Monaten „extrem stark“ gewesen sei. Im dritten Quartal stieg das um Sondereinflüsse bereinigte Ergebnis vor Zinsen, Steuern, Abschreibungen und Amortisationen (Ebitda) im Vergleich zum dritten Quartal 2001 um 2,8 Prozent auf 4,2 Milliarden Euro, der Umsatz um 7,2 Prozent auf 13,4 Milliarden Euro. Die Verschuldung liegt nahezu unverändert bei 64 Milliarden Euro. Die wichtigsten Ergebnisse der Strategieüberprüfung: An den vier Säulen des Konzerns – Festnetz (T-Com), Mobilfunk (T-Mobile), Internet (T-Online) und internationale Geschäftskunden (T-Systems) – will die Telekom festhalten. Das USA-Geschäft wird nicht verkauft, aber man ist weiter offen für eine Partnerschaft. „Ein Verkauf von Voicestream zur Sicherung der Schuldenziele ist nicht notwendig“, sagte Sihler.

Für den Abbau der Schulden hat sich die Telekom ein neues Ziel gesetzt: Sie sollen bis Ende 2003 auf 49 bis 52 Milliarden Euro reduziert werden. Dazu soll der Zahlungsmittelüberschuss aus dem operativen Geschäft auf 5,5 bis sechs Milliarden Euro gesteigert werden. Verkäufe von nicht-strategischen Beteiligungen – wie das TV-Kabel oder Immobilien – sollen 6,2 Milliarden bis 8,5 Milliarden Euro einbringen. Geplant ist weiterhin ein Abbau von mehr als 54 000 Mitarbeitern. Für die Proteste der Mitarbeiter und Gewerkschaften habe er Verständnis, sagte Sihler. „Aber es gibt keine Alternative.“

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