Telekom-Vorstand Clemens : "Wir machen eine Lösung aus der Wolke"

Reinhard Clemens ist Telekom-Vorstand und T-Systems-Chef. Mit dem Tagesspiegel spricht er über Cloud-Computing, neue Internetdienste, Kindergärten und langsame Politiker.

Reinhard Clemens will die öffentliche Verwaltung modernisieren.
Reinhard Clemens will die öffentliche Verwaltung modernisieren.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Herr Clemens, T-Systems arbeitet mit am neuen Hauptstadtflughafen BBI. Was machen Sie da?
Wir liefern unter anderem die Informationstechnik, die man braucht, um ein Flugzeug zum Landen und wieder in die Luft zu bringen. Das nennt sich Slotplanung. Sie sagt dem Piloten, ob er landen darf. Wenn alle Bahnen besetzt sind, geht das nicht. Die Software dazu haben wir geschrieben. Wir verteilen die Slots an zehn der 46 größten Flughäfen der Welt – darunter in Frankfurt am Main, Rom oder Moskau. Und wir sorgen dafür, dass 163 Millionen Fluggäste im Jahr mit unseren Informationssystemen den Weg zum richtigen Gate finden.

Wie groß ist der Auftrag am BBI?
Das Volumen liegt im unteren zweistelligen Millionen-Euro-Bereich.

Gehört der Betrieb auch dazu?
Soweit sind wir noch nicht. Das wird hinterher entschieden. Wir würden das natürlich gern machen.

Wo entwickeln Sie die Technik?
Wir haben in Aachen eine feine Truppe, die auf diese Themen spezialisiert ist.

Bringt das Projekt am BBI auch neue Arbeitsplätze für Berlin?
Wir haben in Berlin bereits mehr als 2000 Mitarbeiter. In diesem Jahr stellen wir hierzulande 1400 Mitarbeiter ein, davon wird auch Berlin profitieren. Es ist immerhin nach Stuttgart unser zweitgrößter Standort in Deutschland.

Was sind die Schwerpunkte in Berlin?
Anders als Stuttgart ist Berlin ja nicht gerade ein Industriestandort. Aber hier ist viel öffentliche Verwaltung. Und weil das ein Bereich ist, den wir dringend modernisieren müssen, halte ich einen Standort wie Berlin für sehr wichtig.

Welche Projekte haben Sie im Auge?
Da gibt es eine Vision. Die Vision kommt aus der Wolke ...

Sie meinen Cloud-Computing. Dabei geht es darum, dass Unternehmen, Verwaltungen oder Verbraucher Rechnerleistung und Software nicht auf dem eigenen Computer haben, sondern aus dem Netz beziehen ...
Das Thema Wolke ist kein Hype mehr, sondern Realität. Ich will Ihnen ein einfaches Beispiel nennen, wie man damit Verwaltung verbessern kann: Jede Stadt hat ein Problem mit zu wenig Kindergartenplätzen. Weil das so ist, melden die Eltern ihren Nachwuchs gleich in drei bis vier Kindergärten an. Da diese die Daten aber nicht austauschen, stimmt am Ende die Planung nicht. Um das zu verbessern, arbeitet jede Stadt für sich an einem Anmeldesystem für Kindergärten. Es wäre doch viel besser, wir machen eine Lösung für alle aus der Wolke. Jede Stadt kann ihre Kindergärten in dem Portal eintragen. Heute scheitert das an der noch sehr regional geprägten Denkweise. Deshalb fangen wir an, für die öffentliche Hand Modelle und Software zu entwickeln, und stellen sie im Netz zur Verfügung. Jeder Bürgermeister, der das für sinnvoll hält, kann den Service in Anspruch nehmen und zahlt je nachdem, wie viel Leistung er braucht. Das muss der Trend in der öffentlichen Verwaltung werden, damit wir nicht so viele Dinge parallel entwickeln.

Welche Zukunft hat Cloud-Computing?
Wir wachsen in diesem Bereich mit mehr als 40 Prozent. Die Nachfrage ist also da. Aber die Datensicherheit ist noch ein wichtiges Thema. Deshalb wollen wir ja die deutsche Cloud. Jeder Benutzer sollte wissen, wo seine Daten verarbeitet und gespeichert werden.

Bekommen Sie dazu die nötige Unterstützung der Politik?
Wir sind uns alle einig, dass Datensicherheit und Vertraulichkeit extrem wichtige Themen sind. Ich glaube, wir brauchen keine neuen Gesetze für das Internet, aber wir brauchen eine saubere Adaption des Datenschutzes für Internetdienstleistungen. Das zeigte auch jüngst die Diskussion im Ausland, wer Zugriff auf Smartphones und deren E-Mails haben darf und wer nicht. Wir brauchen ein Regulativ, wie wir mit bestimmten vertraulichen Informationen umgehen wollen.

Kommt das nicht ein wenig spät, Cloud-Services gibt es doch längst?
Ich würde mir schon wünschen, dass die Politik da schneller und stringenter ist, damit wir Klarheit und Transparenz bekommen. Wir müssen immer überlegen, ob unsere Datenschutzgesetze noch in die Welt von heute passen. Sehr wahrscheinlich nicht.

Verhindert es die Entwicklung, dass es keinen Rechtsrahmen für die Wolke gibt?
Die Entwicklung verhindert es sehr wahrscheinlich nicht, aber es benachteiligt die Unternehmen, die versuchen, Datenschutz ernst zu nehmen.

Gibt es in Deutschland überhaupt genug Platz für neue Rechenzentren?
Wir bauen gerade ein neues Rechenzentrum in Magdeburg. Stellen Sie sich 24 000 Quadratmeter vor, voll gestellt mit Rechnern. Der Strombedarf ist enorm.

Ist das deutsche Stromnetz dafür gerüstet?
Wenn wir das mit erneuerbaren Energien machen wollen, dann brauchen wir intelligente Transportnetze für Strom. Im Augenblick ist der Regulierer gefordert, einen Rahmen zu setzen. Ganz Europa führt die intelligenten Stromzähler ein. England, Frankreich, Spanien, Italien – alle sind unterwegs. Wir überlegen noch, wie intelligent muss der Zähler sein? Ich erwarte einfach, wenn wir Energiepolitik ernst nehmen, dass die Regierung endlich mal sagt, so machen wir das jetzt.

Es muss also schneller gehen?
Geschwindigkeit ist ja nicht immer unbedingt schlecht.

Lange Zeit war T-Systems ein Sorgenkind der Telekom ...
Wir waren das hässliche Entlein.

Inzwischen sind Sie ein bisschen hübscher geworden. Wie geht es weiter?
Zahlen darf ich Ihnen nicht nennen. Aber wir werden noch hübscher werden. Das sieht man bereits an der Entwicklung in den ersten sechs Monaten. Seit der Gründung der T-Systems, das war 2001, war es das erste Halbjahr, in dem wir wieder organisch wachsen. Trotz Krise. Und Informations- und Kommunikationstechnik ist immer noch eine wachsende Branche. Bis zum Jahr 2015 wird der Markt in Westeuropa um 20 Prozent zulegen.

Ist T-Systems groß genug, um gegen die internationalen Wettbewerber zu bestehen?
Natürlich ist T-Systems nicht groß genug. Deshalb wachsen wir ja auch. Akquisitionen planen wir derzeit aber nicht. Aber die Strategie von Telekom-Chef René Obermann ist klar: Wir wollen bis zum Jahr 2015 zwei Milliarden Euro zusätzlichen Umsatz rund um das Thema Cloud-Computing erzielen und eine Milliarde Euro über den ganzen Konzern hinweg aus dem Bereich intelligente Netze. Ich glaube, das reicht erst einmal.

DER MANAGER

Reinhard Clemens (50) studierte Elektrotechnik in Aachen und arbeitete für die IT-Dienstleister IBM und EDS. Seit Dezember 2007 ist er Mitglied im Vorstand der Deutschen Telekom und leitet die Großkundensparte T-Systems.

DAS UNTERNEHMEN

T-Systems ist zwar der größte IT-Dienstleister in Deutschland, im internationalen Vergleich zu IBM aber klein. Die Kunden sind multinationale Konzerne und öffentliche Institutionen. Mit rund 45.300 Mitarbeitern erzielte T-Systems 2009 einen Umsatz von rund 8,8 Milliarden Euro.

Das Gespräch führte Corinna Visser

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