Wirtschaft : Telekombranche profitiert von der Datenflut

ANKE REZMER (HB)

Die Aussichten für Europas Telekombranche kommen einem Anlegertraum gleich: Der Sektor wächst ungebrochen und beschert Anteilseignern hohe Erträge.Und wegen der zunehmenden Datenflut werde die Branche auch weiter stärker als das Bruttoinlandsprodukt zulegen, urteilt James Gollop, Analyst bei der Deutsche Morgan Grenfell (DMG).Zwar werden die Festnetzanbieter mit den Zuwachsraten der Mobilfunkanbieter künftig nicht mithalten können, sind sich die Experten einig.Aber erstens profitierten auch die Festnetzanbieter über den zunehmenden Datenfluß zwischen den Netzen vom Mobilfunkboom.Zweitens dürften neue Absatzkanäle wie Online-Dienste und die Internet-Telefonie für weitere Zuwächse sorgen.Gerade letztere könnte den Ex-Monopolisten am Markt zu schaffen machen, die ihren Kunden noch relativ hohe Tarife für Ferngespräche abknöpfen.Seit der Aufhebung des Netz- und Sprachmonopols Anfang 1998 in Deutschland, Frankreich, Italien, Österreich und der Schweiz stehen besonders die klassischen Telefondienste der etablierten Gesellschaften unter Druck.

Für die Telefonversorger spricht, daß sie als krisensicheres Investment gelten.Zum einen telefonieren die Menschen unabhängig von der wirtschaftlichen Großwetterlage.Zum anderen haben viele Telekom-Anbieter einen Schwerpunkt auf ihrem Heimatmarkt, so daß sie zum Beispiel von der Finanzkrise in Asien und Lateinamerika vergleichsweise wenig betroffen sind.

Allerdings hat die Krise den Himmel für einige Telekomfirmen doch getrübt.So macht gerade der Liebling unter Europas Anbietern, die spanische Telefónica, Stefan Mehler von der WestLB Kummer.Zwar hält er die krassen Kursverluste der Aktie wegen des Lateinamerika-Geschäftes weiterhin für übertrieben.Doch vor allem das starke Engagement in Brasilien im Umfang von 4,9 Mrd.Dollar verunsichere.Die Krise in Lateinamerika könnte aber in ein bis zwei Jahren ausgestanden sein.Für Mehler bleibt Telefónica daher ein Outperformer.Auch DMG-Mann Gollop empfiehlt die Spanier wegen ihrer guten Infrastruktur und der hervorragenden Mobilsparte.Im europäischen Vergleich hat Telefónica nach Ansicht von Julius Bär-Analyst Werner Bieri zunehmend gute Wachstumschancen.

Ähnlich beliebt bei den Bankern ist der italienische Ex-Monopolist Telecom Italia.Der billigste europäische Telekom-Titel sei im Kurs zurückgeblieben, weil die Italiener Probleme im Management hatten, erklärt Josef Scarfone von der BHF-Bank."Der neue Boss Rossignolo hat das im Griff", meint er.Telecom Italia habe außerdem über die Mehrheitsbeteiligung an der Telecom Italia Mobile (TIM) Teil am Mobilfunkboom.Zudem stehe die italienische Regulierungsbehörde dem Ex-Monopolisten zur Seite: Der Regulator erlaube ihm recht hohe Durchleitungsgebühren.Scarfone empfiehlt die Aktie und sieht den Kurs in den nächsten zwölf Monaten um ein Fünftel klettern.

Extrem günstig findet auch Gollop den Wert.Zwar müsse man abwarten, ob sich das neue Management bewähre.Aber dieser Markt sei noch im Geburtsstadium und berge Riesenpotential.Skeptischer zeigt sich der WestLB-Mann: "Es herrscht große Unsicherheit im Unternehmen." Als das Gerücht aufkam, Chef Rossignolo könnte über schwache Gewinnprognosen stolpern, sei der Aktienkurs ein Zehntel geklettert.Generell hält er Telecom Italia aufgrund des phantastischen Jahresüberschusses (Zuwachs von 64 Prozent) für stark und wegen des Kurs-Gewinn-Verhältnisses von rund 14 für günstig.Dennoch mache die Unruhe die Aktie nur zum Marktperformer.

Am umstrittensten sind die Meinungen über die niederländische KPN: DMG-Mann Gollop hält die Aktie für zehn Prozent unterbewertet.Die Angst vor den Zwängen der Regulierungsbehörde sei unbegründet, meint er.Es mache keinen Sinn, in einem gerade deregulierten Markt einem starken Unternehmen den Gewinn kappen zu wollen.Dadurch sei die solide Aktie aber zu einem der günstigsten Telekomwerte geworden.Bieri hält den Vorstoß der Behörde für schwer einschätzbar und stuft den Titel auf neutral.BHF-Analyst Scarfone geht weiter: "Die Regulatoren prägen das Umfeld der Branche." Die KPN müsse nun ein Tarifkonzept vorlegen, der Ausgang sei nicht abzuschätzen.Damit ist für ihn nicht einzusehen, warum Anleger unter starken Alternativen eine zwar operativ hervorragende, aber vom Regulator gebremste KPN auswählen sollten.Sein Urteil lautet "Verkaufen".

Auch zum Verkauf rät Klaus Repges von HSBC Trinkaus bei der Deutschen Telekom.Die Halbjahreszahlen seien zwar im Rahmen der Erwartungen gewesen, und das Verhältnis zur Regulierungsbehörde nun entspannter.Aber vor allem bei Personal- und Materialkosten stehe die Firma schlechter da als beim Börsengang.Mehler bewertet ebenso: Die Aktie habe sich in der jüngsten Krisenzeit zwar gut gehalten.Aber nun müssen die Bonner zeigen, daß sie trotz hoher Tarife im härtesten Wettbewerb Europas bestehen.Deutlich besser stuft dagegen Frank Rothauge von Sal.Oppenheim die Aktie ein.Die Telekom sei nicht von der Emerging-Market-Krise betroffen."Mit ihrem freien Cash Flow von neun Mrd.DM ist die Aktie ein sicheres Investment."

Mehler gefällt die France Télécom besser.Der Titel fahre allerdings gerade einen Zick-Zack-Kurs: Als die Regierung die Privatisierung verschob, hätten sich Institutionelle sofort eingedeckt und den Kurs verteuert.Daher sieht er den Titel derzeit neutral.

Die Mobilfunkanbieter bewertet DMG-Banker Gollop noch vorsichtig, weil sie sich noch stabilisieren müßten.Zu seinen Favoriten zählt die TIM.Der WestLB-Mann hält Handy-Titel dagegen generell für Renner.TIM erziele gute Margen ohne Handy-Subvention und sei gesund.Scarfone favorisiert dagegen die Nummer zwei am Mobilfunkmarkt: Olivetti.Mit hervorragenden Wachstumsraten und der finanzstarken Mannesmann im Rücken brilliere die Firma außerdem noch im Festnetz.Als klaren Kauf sieht Mehler auch die britische Orange, die den Markt auf der Insel dynamisch aufrolle.Bieri bevorzugt dagegen die "gut etablierte" Vodafone.Gollop hält das Unternehmen zwar auch für einen Topanbieter, das Papier sei aber ziemlich teuer.

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