Telekommunikation : Kinder ans Handy

Neue Zielgruppe: Die Branche entdeckt die Jüngsten und macht spezielle Angebote.

Corinna Visser
Kandy
Blauer Engel: Das Handy von Kandy hat das Umweltsiegel bekommen. -Foto: promo

Berlin - Die Mobilkfunkbranche entdeckt eine neue Zielgruppe: die Kinder. Im Juni ging Toggo mobile an den Start, ein Angebot vom Fernsehsender Super RTL. Im September startet nun Kandy Mobile, ein neu gegründetes Unternehmen aus München, das sich als eine eigene Mobilfunkmarke für Kinder etablieren will. „Mobilfunk, wie wir ihn heute kennen, ist ein Produkt für Erwachsene“, sagte Kandy-Mobile-Chef Ralph Stegmüller dem Tagesspiegel. „Und das wollen wir ändern.“

Ein Sechstel der Sechs- bis Siebenjährigen in Deutschland hat bereits ein Handy, bei den Zwölf- bis 13-Jährigen sind es schon fast ein Viertel. Das ergab die KIM-Studie 2006, in der der Medienpädagogische Forschungsverbund Südwest (MPFS) den Medienumgang der Sechs- bis 13-Jährigen in Deutschland untersucht hat. Und Experten erwarten, dass die Zahl der jungen Handynutzer weiter steigen wird. „Das Handy wird künftig auch bei Kindern zur Standardausrüstung gehören – und zwar ab dem Zeitpunkt, wo sie das Zuhause verlassen und in die Schule gehen“, sagt Axel Freyberg, Telekommunikationsexperte der Unternehmensberatung ATKearney.
Doch noch ist das speziell auf Kinder zugeschnittene Angebot gering. Zwar mussten die Netzbetreiber auf politischen Druck hin spezielle Jugendtarife anbieten, bei denen es aber vor allem darum ging, die Kosten im Griff zu behalten. Andere Anbieter haben sich auf das Thema Ortung spezialisiert, so dass Eltern den Aufenthaltsort ihrer Kinder überwachen können.

Doch die Kombination aus speziellem Tarif, Ortungsfunktion plus auf die Kinder zugeschnittene Inhalte ist neu. Dabei haben beide Anbieter unterschiedliche Ansätze: Super RTL nutzt die bereits bei Kindern bekannte Unterhaltungsmarke Toggo – und das Handy als weiteren Vertriebsweg. „Wir sind der Meinung, dass die Kinder überall auf die Toggo-Inhalte zugreifen können sollen, wo sie sich gerade befinden“, sagt Matthias Büchs, Mitglied der Geschäftsleitung bei Super RTL. Bis jetzt sagt er, sei er mit der Nachfrage sehr zufrieden. Toggo kostet einen Grundpreis von 9,95 Euro im Monat. Dafür kann man unbegrenzt mit den Eltern telefonieren und auf das Toggo-Portal zugreifen. Teure Premiumnummern sind gesperrt, sonst kann das Kind aber im Rahmen eines von den Eltern festgelegten Budgets telefonieren, mit wem es will.

Kandy Mobile bietet ein geschlossenes System mit eigenen Inhalten und auch einem eigens entwickelten Telefon. Das soll die Kinder vor unerwünschten Inhalten wie etwa Gewaltvideos oder Pornografie schützen. Die Weitergabe von Bildern von Handy zu Handy ist nicht möglich. Die Eltern können das Telefon am Computer konfigurieren und bestimmen, mit wem das Kind kommunizieren, sogar von wem es angerufen werden kann. Das Kandy-Handy unterscheidet sich optisch wenig von anderen modernen Geräten. „Kinder wollen kein reduziertes Gerät mit Spielzeuganmutung“, sagt Stegmüller. „Sie wollen ein vollwertiges Gerät wie die Erwachsenen.“ Die Grundgebühr liegt bei 12,90 Euro im Monat, Gespräche von Kandy-Kunde zu Kandy-Kunde sind damit abgegolten, ebenso Telefonate zu den Eltern.

Das Kandy-Handy ist das erste Mobiltelefon, das seit dem 31. Juli das Umweltzeichen „Blauer Engel“ trägt. Das Gütesiegel wurde vor rund vier Jahren auch für Handys eingeführt. Es zeichnet das Kandy-Mobiltelefon unter anderem als besonders strahlungsarm aus. Obwohl viele aktuelle Mobiltelefone die strengen Anforderungen des Blauen Engels erfüllen, boykottieren es die großen Hersteller. Sie fürchten, Kunden könnten Geräte ohne Blauen Engel dann für gesundheitsgefährdend halten, was nicht der Fall sei. „Wir warten schon lange darauf, dass ein Unternehmen den Blauen Engel nutzt“, sagte Monika Büning, Umweltreferentin des Verbraucherzentrale Bundesverbands dem Tagesspiegel. „Dass nun ein kleiner Hersteller den Anfang macht, ist sehr positiv. Wir hoffen, dass die großen Hersteller jetzt folgen.“ Zwar sollten Kinder besser gar kein Handy benutzen, „aber wenn schon eines, dann lieber ein Gerät mit dem Blauen Engel“, sagte Büning.

Für Kandy Mobile ist ein hoher Strahlenschutz ein „wesentlicher Baustein im Konzept, den Ansprüchen an Spaß, Sicherheit und Verantwortungsbewusstsein gerecht zu werden“, sagt Kandy-Mobile-Chef Stegmüller. Corinna Visser

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