Wirtschaft : Telekommunikationsmarkt: Mobilcom expandiert für einen hohen Preis

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Der Büdelsdorfer Telekommunikationskonzern Mobilcom musste im vergangenen Jahr einen hohen Preis für sein Unternehmenswachstum bezahlen: Mobilcom steigerte seinen Umsatz im Jahr 2000 um 90 Prozent auf 4,6 Milliarden Mark, das Konzernergebnis sank aber von 170,8 Millionen Mark im Jahr 1999 auf minus 174,5 Millionen Mark. Das Ergebnis vor Steuern, Zinsen und Abschreibungen (EBITDA) lag bei minus 22,1 Millionen Mark, sagte der Vorstandschef Gerhard Schmid am Dienstag.

Dabei belasten die Aufwendungen aus der Abschreibung der UMTS-Lizenz sowie ihrer Finanzierung das Ergebnis noch nicht einmal. Mobilcom hatte im vergangenen Sommer eine von sechs Lizenzen für den neuen Mobilfunkstandard der dritten Generation in Deutschland für 16,5 Milliarden Mark erworben. Die Abschreibung will Mobilcom erst vornehmen, wenn das UMTS-Netz in Betrieb gegangen ist. Mitte 2002 soll es soweit sein. Ab 2002 werden die Abschreibungen ein volles Geschäftsjahr mit 956 Millionen Mark belasten, den Zinsaufwand schätzt Mobilcom auf Basis der Werte aus dem Jahr 2000 auf 714 Millionen Mark pro Geschäftsjahr.

Die Basis für das Geschäft mit dem Multimedia-Mobilfunk seien die Kunden. Allein im vierten Quartal des vergangenen Jahres habe Mobilcom 660 000 neue Mobilfunkkunden gewonnen. "Im vierten Quartal wurde jeder vierte Mobilfunkvertrag über Mobilcom abgeschlossen", sagte Schmid. Das Unternehmen sei deutlich stärker gewachsen als der Markt. "Diese Kunden bringen mehr Umsatz, kosten aber auch mehr Geld", sagte Schmid. Etwa 340 bis 360 Mark pro Vertragskunde habe Mobilcom im vierten Quartal für die Akquisition aufgebracht. Insgesamt habe Mobilcom in seine Wachstumsstrategie im vergangenen Jahr 890 Millionen Mark investiert (1999: 261 Millionen Mark). Zum Jahresende 2000 zählte Mobilcom insgesamt 6,52 Millionen Kunden in den Bereichen Mobilfunk, Festnetz und Internet, 99 Prozent mehr als Ende 1999 mit 3,28 Millionen Kunden. Dabei sei die Zahl der Mobilfunkkunden um 114 Prozent auf 3,98 Millionen gewachsen.

Auch im Internetbereich habe sich Mobilcom exzellent entwickelt, sagte Schmid. Die Tochtergesellschaft Freenet konnte die Zahl der Kunden, die über das Onlineportal ins Netz gehen, um mehr als 100 Prozent auf 1,65 Millionen Haushalte steigern. Insgesamt seien bei Freenet 2,36 Millionen aktive Nutzer registriert. "Damit liegen wir klar vor AOL in Deutschland", sagte Schmid. Freenet entwickelt zur Zeit auch ein Portal für den mobilen Internetzugang und werde künftig stärker in den Vertrieb von Anwendungen über das Netz (ASP-Geschäft) einsteigen.

Um die hohen Akquisitionskosten für Neukunden zu senken, wird Mobilcom seine Vertriebswege straffen. Die Zentrale der Computerhandelskette Comtech soll von Waiblingen nach Büdelsdorf verlegt werden. "Wir werden 30 bis 40 Standorte schließen", kündigte Schmid an.

Derzeit überarbeitet Mobilcom seinen Businessplan. Der alte Plan sah vor, dass das Unternehmen ab dem Jahr 2006 wieder in die Gewinnzone gelangt. "Wir werden früher so weit sein", sagte Schmid, ohne ein Datum zu nennen. Der UMTS-Netzaufbau koste weniger als erwartet und man sei in Verhandlungen über ein National Roaming mit den anderen Lizenznehmern auf gutem Wege. Eine Einigung über National Roaming würde bedeuten, dass Netzbetreiber auch Kunden anderer Anbieter dort versorgen, wo diese noch kein eigenes Netz haben. So kann schneller eine größere Netzabdeckung erreicht werden. Die Aktie der Mobilcom büßte am Dienstag 6,7 Prozent auf 27,93 Euro ein. Schmid sieht die Aktien der Mobilcom deutlich unterbewertet. Während andere mit dem Drei- bis Achtfachen ihres Umsatzes bewertet seien, liege der Wert von Mobilcom deutlich darunter. Schmid hat im vergangenen Jahr Mobilcom-Aktien nachgekauft und halte jetzt deutlich mehr als 40 Prozent. Dafür ist sein Vorstandssalär stark geschrumpft. Während an alle Mitglieder des Vorstands im Jahr 1999 11,8 Millionen Mark ausgezahlt wurden, waren es im vergangenen Jahr nur noch 1,3 Millionen Mark. "Der Vorstand wird nach Erfolg bezahlt", sagte Schmid. Eine höhere Entlohnung war wegen der schlechten Börsenentwicklung also nicht drin.

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