• Telekommunik@tion: Standleitung ins Internet - Fernsehkabel können bald für Telefon und Fax genutzt werden

Wirtschaft : Telekommunik@tion: Standleitung ins Internet - Fernsehkabel können bald für Telefon und Fax genutzt werden

Peter Dehn

Mit 1,3 Millionen Kabelhaushalten und einem Versorgungsgrad von 95 Prozent ist Berlin heute das größte geschlossene Kabelgebiet in Deutschland, wenn nicht gar in Europa. Durch Digitalisierung wird das Fernsehkabel nun auch zum Medium der Infogesellschaft. Nach Angaben der Telekom erweitert die Umstellung von analoger auf digitale Übertragung die Kapazitäten des Rundfunkkabels auf bis zu 500 Kanäle. Bis August will die Telekom für 680 000 Haushalte die Voraussetzung für den "Rückkanal" schaffen, wodurch Sprachtelefonie, Telefax und schneller Internetzugang über das Kabelnetz machbar werden.

Zu diesem Zweck wird die von der Telekom kontrollierte "Netzebene 3" ausgebaut, über die die Angebote bis vor die Übergabepunkte der Wohnhäuser ("Netzebene 4") herangeführt werden. Pro Kabelhaushalt müssen dann noch einmal zwischen 300 und 500 Mark investiert werden. Mietern der Wohnungsbaugesellschaft Mitte bietet der Kabelnetzbetreiber tss bereits seit Herbst 1998 die Telefonie über TV-Kabel. Man erhält ein Zusatzgerät ("Kabelmodem"), das die Signale der Telekommunikationsdienste von denen der Radio- und TV-Programme trennt. Die Monatsgebühr für Telefon und Fax beträgt 19 Mark 90, Ortsgespräche kosten vier, Ferngespräche zwischen sieben und elf Pfennigen pro Minute.

Multimedia-Wohnungen

tss-Geschäftsführer Peter Stritzl, dessen Unternehmensgruppe 300 000 bis 350 000 Kabelhaushalte in Berlin betreut, verweist auf eine "Akzeptanz von 20 Prozent" der 1200 Kunden, für die Kabeltelefonie derzeit technisch realisierbar ist. Am Alexanderplatz soll demnächst das "Triple Play" - die Kombination von Rundfunk, Telefon und schnellem Internetzugang - angeboten werden. "Das ist ein Zukunftsmarkt, den auch die Wohnungswirtschaft braucht", meint der Augsburger Unternehmer. "Die Vermietbarkeit einer Wohnung steigt mit den Voraussetzungen für Multimedia."

Das Kabelnetz bietet ideale Voraussetzungen. Dort tickt kein Gebührenzähler, Übertragungsraten bis zu zwei Megabits pro Sekunde schaffen eine Datenautobahn, die wesentlich schneller ist als ISDN oder die Privatkunden-Variante von T-DSL. In beiden Netzen verfügt man im Prinzip über eine Standleitung ins Internet.

Der fehlende Rückkanal behinderte bislang die Einführung interaktiver Dienste im Kabelnetz: Der Abruf von Internetseiten muss über das Telefonnetz geschehen. Dann klickt der Gebührenzähler munter und vom Kunden kaum kontrollierbar, was den Wettbewerbsvorteil des im Kabel entfallenden Zeittaktes zunichte macht. Die privaten Netzbetreiber forderten daher seit langem den "Rückkanal". Die Telekom blockierte.

Erst die EU-Auflage, das Kabelnetz zu verkaufen, brachte eine Änderung. Die Kaufinteressenten ärgern sich über die Telekom, die eine Mehrheit an den Kabelnetzen Berlins und Brandenburgs behalten will. Einer von ihnen ist die tss, die sich mit dem niederländischen Netzbetreiber UPC zusammengeschlossen hat, um die notwendige Finanzkraft aufzubringen. Wer den Zuschlag erhält, wäre also trotz seiner Milliardeninvestition nur Juniorpartner der Telekom. Die, so Sprecher Winfried Seibel, hat "nichts zu verschenken, will mit dem Pfund für die Zukunft wuchern" und räumt für die "Netzebene 3" und die an die Telekom gebundenen Haushalte (bundesweit jeder dritte der 18 Millionen Kabelhaushalte) ebenfalls "schwierige Verhandlungen" ein, die aber dennoch im Sommer abgeschlossen werden sollen.

"Man muss sich fragen, wer beim Poker der Leidtragende ist", meint hingegen Peter Stritzl und fordert die Telekom zur Kooperation auf. Schließlich müsste die Informationsgesellschaft für private Haushalte bezahlbar sein.

Stritzl will daher die Kabelgebiete der tss im Bezirk Mitte durch einen eigenen Glasfaserring verbinden, um unabhängig von der Telekom zu sein. Allianzen mit anderen Berliner Telekommunikationsunternehmen hält Stritzl beim Aufbau der eigenen "Netzebene 3" ebenso für geboten. Er wolle aber dennoch keine Drohpolitik auflegen, es sei vielmehr höchste Zeit zur Harmonisierung zwischen Telekom, Kabelnetzbetreibern und Wohnungswirtschaft.

Auf Kooperation orientiert sich auch Seibel, auch wenn es aufgrund der unterschiedlichen Verkaufsmodelle "keine Generallösung für die Zusammenarbeit" gibt. Stromversorger experimentieren mit "Powerline Communication" (PLC), dem digitalen Datentransfer im Stromnetz. Allerdings beschränkt das europäische Vorschriftenwerk CENELEC die Übertragungsleistung. Für ihre Tests brauchten tesion in Baden-Württemberg und RWE im Ruhrgebiet daher Sondergenehmigungen. In Berlin kam es gar nicht so weit.

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