Telekonferenz : Präsent, aber nicht vor Ort

Das Unternehmen Cisco will anderen Unternhemen beim Sparen helfen: Das Videokonferenzsystem soll mit besserer Qualität einen Teil der Geschäftsreisen überflüssig machen.

Corinna Visser

Berlin„Dieses Produkt hat mein Leben nachhaltig verändert“, sagt Michael Ganser. Nicht nur, dass der Cisco-Deutschlandchef seinen Boss in den USA wesentlich häufiger sieht als früher. Ganser ist zugleich auch viel öfter bei seiner Familie in Zürich. Denn er reist bei Weitem nicht mehr so viel durch die Welt wie noch vor ein paar Jahren. Vielmehr verbringt er jetzt die Hälfte seiner Arbeitszeit in fensterlosen Räumen vor großen flachen Bildschirmen, die über Hochleistungsnetze verbunden sind.

Telepresence heißt das Produkt des US-Netzwerkausrüsters Cisco. Es ist ein Videokonferenzsystem – allerdings: „Die Qualität hat sich dramatisch verbessert“, sagt Ganser, „dank moderner Breitbandtechnik.“ Die Bilder der Konferenzteilnehmer auf den Schirmen sind hochauflösend und brillant, der Ton ist einwandfrei. Nichts ruckelt. „Wenn Sie das eine Weile machen, vergessen Sie, dass der andere gar nicht im selben Raum mit Ihnen ist“, sagt Ganser.

Die hauseigenen Konferenzsysteme sind zu 80 Prozent ausgelastet. Die Reisekosten pro Mitarbeiter, die mittels Telepresence um 20 Prozent sinken sollten, sind tatsächlich um mehr als 60 Prozent gesunken. „Telepresence verändert die Art, wie wir kommunizieren – im Unternehmen selbst genauso wie zwischen Unternehmen“, sagt Ganser. So komme es nun öfter vor, dass Cisco-Boss John Chambers bei Gesprächen mit wichtigen Kunden dabei sei. „Wir arbeiten viel enger zusammen“, erklärt Ganser. Dabei ließen sich nicht nur Reisekosten sparen. „Sie können auf diese Weise Talente an sich binden, egal wo auf der Welt sie sitzen.“

„Telepresence ist das am schnellsten wachsende Produkt, das Cisco jemals hatte“, sagt Ganser. Es wachse um mehrere hundert Prozent im Jahr. „Wir werden damit bald die Schwelle von einer Milliarde Dollar Umsatz überschreiten“, prognostiziert der Manager. Dafür nennt er drei Gründe: Erstens den Quantensprung in der Technologie, der zu besserer Qualität und leichter Bedienbarkeit geführt habe. Zweitens die heranwachsende Generation, die nicht mehr das Telefon, sondern das Video als erstes Kommunikationsmittel benutze. Und drittens das wirtschaftliche Umfeld, das Unternehmen zum Sparen zwinge. Zu seinen Kunden zählt Cisco den Handelskonzern Metro, die Automobilindustrie sowie auch das Softwareunternehmen SAP.

Mit seinem Produkt bewegt sich Cisco im obersten Qualitätssegment im Markt für Videokonferenzsysteme. Der Markt teile sich gerade, sagt Jeff Mann von der Marktforschungsfirma Gartner. Auf der einen Seite stehen die Highend-Systeme von Cisco, Tandberg aus Schweden, Hewlett Packard oder Polycom aus den USA. Auf der anderen Seite steht die billige Lösung: eine einfache Webcam auf dem Rechner. Immer weniger gefragt sei dagegen das mittlere Segment der traditionellen Videokonferenzsysteme. „Die benutzt kaum jemand mehr. Sie sind zu schwer zu bedienen und die Qualität ist zu schlecht“, sagt Mann. Telepresence dagegen werde häufig genutzt. Und trotz des enorm hohen Preises könne es sich rechnen, wenn dafür Reisekosten eingespart würden.

Das kleinste System von Cisco mit bis zu zwei Plätzen in einem Raum hat einen Listenpreis von 33 900 Dollar, das größte bietet 18 Personen auf einer Seite der Schaltung Platz und kostet 340 000 Dollar. Cisco arbeitet an preiswerteren Lösungen, die die Systeme auch für Mittelständler interessant machen sollen. „Wir denken an Modelle, bei denen man die Systeme für 2000 bis 3000 Euro im Monat mieten kann“, sagte Ganser. „Und an Hotels, die Telepresenceräume vermieten.“ In einem Jahr will Cisco auch ein System für zu Hause anbieten – dann zum Preis eines hochwertigen Flachbildfernsehers. „Früher war Cisco als Netzwerkausrüster so etwas wie der Klempner des Internets. Jetzt gehen wir ins Wohnzimmer.“ Corinna Visser

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