Wirtschaft : Terror per Post

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Mit der Entdeckung eines Briefes, der die tödliche Chemikalie Ricin enthält, ist der Terror zum Capitol Hill nach Washington zurückgekehrt. Der Fall zeigt, wie angreifbar Amerika für Terroristen ist – auch im Weißen Haus ist solch ein Brief eingegangen.

Ricin gilt als große chemische Bedrohung. Es ist leicht herzustellen und nach Verzehr, Injektion oder Einatmen tödlich. Kleinste Mengen reichen, es gibt kein Gegengift. Ricin ist bekannt, jeder könnte es gewesen sein, USBürger oder Ausländer. Im Kalten Krieg wurde Ricin oft eingesetzt. 1978 wurde ein bulgarischer Dissident in London mit einer Ricinversetzten Regenschirmspitze ermordet. Der Irak soll es im Krieg gegen den Iran eingesetzt und bis zuletzt produziert haben. Ricin tauchte in einem afghanischen Terroristencamp auf. Al Qaida hat mit Ricin experimentiert, genau wie mit Anthrax.

Auch in Europa gab es Ricinfälle. In England wurden sechs Männer nordafrikanischer Herkunft wegen der Entwicklung chemischer Waffen angeklagt, nachdem Ricin gefunden worden war. Wegen des Ricinfundes in einem Pariser Bahnhof sind in Frankreich neun Menschen in Haft.

Der Vorfall erinnert an die Anthrax-Attacken. Fünf Menschen starben, ein Senatsgebäude musste monatelang gereinigt werden. Ein Postamt in New Jersey, das die Briefe weiterleitete, wird bis heute dekontaminiert. Die Herkunft der Briefe ist ungeklärt. Die US-Bundesbehörde FBI sollte daraus für den Ricinfall lernen. Bei den Anthraxfällen hat es sich auf Einzeltäter versteift. Der Biowaffenexperte Hatfill geriet in Verdacht. Das FBI legte auf der Suche nach Belastungsmaterial einen ganzen See trocken. Hatfill beteuert seine Unschuld, das FBI kann ihm nichts nachweisen.

Die Lehre daraus ist, ausländische Täter und deren Verbündete in den USA nicht auszuschließen. Nachhaltige Sicherheit muss das Ziel sein, nicht die Lösung eines einzelnen Falls. Iraks und Afghanistans Verbindungen mit Ricin müssen untersucht werden. Dass Al Qaida und andere Anschläge auf die USA planen, ist wohl kaum ein Hirngespinst. Die Ricinbriefe zeigen, wie groß die Gefahr ist. Dass im Irak keine Massenvernichtungswaffen gefunden wurden, gilt vielen als Beweis, dass die Bedrohung nicht „unmittelbar“ sei. Aber ist Ricin im Postbüro des Senats nicht „unmittelbar“ genug?

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