Teuerung : Die Preisfrage

Inflation oder Deflation – wohin führt die Krise? Die Prognosen der Experten könnten kaum weiter auseinander liegen.

David C. Lerch

Düsseldorf - Die Krise hat auch gute Seiten. Das konnte man zuletzt beim Einkauf für das Osterfrühstück spüren oder auch auf der Fahrt in den Osterurlaub. Lebensmittel wie Milch oder Käse, aber auch Energie sind so billig wie lange nicht. Der geringen Inflation sei Dank. Mit dem sinkenden Wirtschaftswachstum steigt auch die Teuerungsrate immer langsamer. Im März dieses Jahres lag der Wert bei 0,5 Prozent und damit auf dem niedrigsten Stand seit fast zehn Jahren.

Doch das könnte schon bald ganz anders aussehen. Um den Wirtschaftskreislauf wieder anzukurbeln, stemmen sich Regierungen und Notenbanken weltweit mit milliardenschweren Finanzspritzen und schuldenfinanzierten Konjunkturprogrammen gegen den Abwärtstrend. Damit wird viel Geld in den Markt gepumpt, das in den kommenden Jahren die Inflation antreiben könnte. Das befürchtet jedenfalls Bundesfinanzminister Peer Steinbrück (SPD). „Im Wiederaufschwung könnte die Gefahr einer Überlastung der Kapitalmärkte und einer weltweiten Inflation drohen“, sagte Steinbrück der „Bild“-Zeitung. Deshalb müsse man sich mittelfristig darum kümmern, wie man die Milliarden an Liquidität wieder aus der Welt bekommt, die man jetzt in die Wirtschaft pumpt.

Auch der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Klaus Zimmermann, hält eine weltweite Inflation für sehr wahrscheinlich, die Frage sei nur wann und wie stark. Die Inflation komme zustande, wenn auf den Gütermärkten zu wenig Güter auf zu viel Nachfrage stoßen, die durch viel Geld angeregt wird, sagt Zimmermann. „Zur Explosion kommt es also dann, wenn die enorme derzeitige und sich abzeichnende Geldschöpfung nachfragewirksam wird“, sagte der DIW-Chef dem „Handelsblatt“.

Peter Bofinger widerspricht dieser Einschätzung. „Für Deutschland besteht auf absehbare Zeit kein Inflationsrisiko“, sagte der Wirtschaftsweise dem „Handelsblatt“. Stattdessen gebe es das ausgeprägte Risiko einer Deflation. Darunter verstehen Ökonomen eine dauerhafte Abwärtsspirale der Preise, bei der sich Käufer zurückhalten, weil sie weitere Preissenkungen erwarten. Bofinger rechnet wegen der Absatzkrise der Unternehmen und der steigenden Arbeitslosigkeit mit „Lohnzugeständnissen der Arbeitnehmer auf breiter Front“. Diese wirkten sich, wie die Entwicklung in Japan seit Mitte der 1990er Jahre zeige, dämpfend auf die Preisentwicklung aus.

Deflation oder Inflation? Die Experten streiten darüber, welche Gefahr angesichts der Krise und der horrenden Summen zu ihrer Bekämpfung größer ist. Bofinger begründet seine Sicht auch mit der Macht der Europäischen Zentralbank (EZB), die in der Eurozone keine Inflationsprozesse zulassen werde. „Die derzeit den Banken zusätzlich zur Verfügung gestellte Liquidität kann die EZB innerhalb eines Monats wieder vollständig aus dem Kreislauf zurückziehen“, sagte Bofinger.

Auch Hans-Werner Sinn, Chef des Münchner Ifo-Instituts, befürchtet eher einen Preisverfall. „Der Deflationsdruck japanischer Prägung mit immer weiter steigenden Staatsschulden ist die wahre Gefahr, die der Welt in den nächsten Jahren droht“, sagte Sinn der „Wirtschaftswoche“. David C. Lerch

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