Wirtschaft : Teure Unabhängigkeit

Die Politik fördert Biodiesel und Ethanol als Ölersatz – und schafft so neue Probleme

Bernd Hops

Berlin - Ein Biosprithersteller nach dem anderen geht an die Börse. Am vergangenen Mittwoch wurden die Aktien der BKN Biokraftstoff Nord zum Emissionspreis von 6,50 Euro auf den Markt gebracht. Am Freitagabend notierten sie bei 10,90 Euro – ein Plus von 68 Prozent in drei Tagen. Bioethanol – als Benzinersatz – und Biodiesel, die im Gegensatz etwa zu BTL (siehe obigen Artikel) schon in großem Maßstab produziert werden, haben Konjunktur. Die Politik hofft, sich unabhängiger von Ölimporten zu machen. Selbst US-Präsident George W. Bush, ein Freund der amerikanischen Ölindustrie, hat sein Herz für Biokraftstoffe entdeckt. Außerdem spielen sie bei den Plänen der EU-Kommission, den CO2-Ausstoß von Autos zu verringern, eine wichtige Rolle – für die sie aber nach Meinung von Experten nach dem heutigen Stand der Technik nur eingeschränkt geeignet sind. Erst mit der nächsten Kraftstoffgeneration, die jetzt entwickelt wird, dürfte sich die Lage deutlich verbessern.

„Die Treibstoffe der ersten Generation sind zwar etwas besser als fossile“, sagt Helge Jahn, Fachmann beim Umweltbundesamt (UBA). Sie würden aber in Autos nicht optimal eingesetzt. „Das Energiepotenzial wäre stationär – also zur Beheizung von Häusern oder zur Stromerzeugung – viel besser zu nutzen“, sagt Jahn. Die CO2-Emissionen könnten zwei- bis dreimal stärker gemindert werden, schätzt er. Deswegen sei die Beimischungspflicht, nach der in jedem Liter Benzin und Diesel an der Tankstelle auch Biosprit enthalten sein muss, fragwürdig. „Das ist reine Landwirtschaftsförderung“, sagt Jahn. Er sieht außerdem kritisch, dass die vorgegebene Quote von 5,75 Prozent des insgesamt im Jahr 2010 verkauften Diesels in der EU kaum aus heimischer Produktion zu decken sein wird. Der nötige Biodiesel müsse dann importiert werden, was den Vorteil bei den CO2-Emissionen gegenüber Kraftstoffen aus Erdöl weiter verringert.

Immerhin gibt es aber mittlerweile unter dem Strich einen Vorteil. Lange war die Hauptkritik an Biokraftstoffen, dass zu ihrer Produktion mehr Energie aufgewendet und damit CO2 ausgestoßen werden musste als letztlich im Automotor genutzt werden konnte.

In Deutschland hat sich die Anbaufläche von Raps und Mais seit der Jahrtausendwende auf 1,6 Millionen Hektar verdoppelt. Statt Mais an Viehzüchter zu verkaufen, setzen die Bauern verstärkt auf die Energiefirmen. Theoretisch ist auch noch einiges möglich beim Anbau. Die Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe (FNR) schätzt, dass die Ackerfläche für Energiepflanzen in Deutschland bis zum Jahr 2020 noch einmal mehr als verdoppelt werden könnte. Das Biosprit-Potenzial liege dann bei 11,3 Millionen Tonnen oder 25 Prozent des prognostizierten Kraftstoffbedarfs. Allerdings würde die Branche dann knapp 30 Prozent der Ackerfläche insgesamt bewirtschaften.

Umweltexperten sehen diesen massiven Ausbau skeptisch, weil er auch mehr Monokulturen auf den Feldern bedeuten würde. Davon abgesehen sind Raps, Mais und Zuckerrüben Nahrungsmittel, die von einer wachsenden Weltbevölkerung benötigt werden. Die Konkurrenz zwischen Spriterzeugern und hungrigen Menschen hat die Weltmarktpreise für Zucker und Mais auf den höchsten Stand seit mehr als 25 beziehungsweise zehn Jahren getrieben. Zuletzt gingen viele Mexikaner auf die Straße, weil sie sich kaum noch das Grundnahrungsmittel Maismehl leisten können. Die Bioethanol-Produzenten in den USA bieten einfach mehr – und investieren in zusätzliche Anlagen. Bis Ende 2008 wird sich die Kapazität dort laut Schätzungen mehr als verdoppelt haben.

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