Wirtschaft : Teurer Stahl kostet die Autoindustrie Milliarden

Experten rechnen 2005 für einzelne Rohstoffe mit Preissteigerungen von bis zu 50 Prozent / Bergwerke weiten Kapazitäten aus

Dieter Fockenbrock

Berlin - Für Volkswagen, Ford oder Opel beginnt das neue Jahr mit Kostensteigerungen in Milliardenhöhe. Denn Stahl, eines der wichtigsten Produktionsmaterialien für Autohersteller, wird nach Expertenschätzungen um mindestens 20 Prozent teurer. Für Speziallegierungen oder Edelmetalle muss im Geschäftsjahr 2005 sogar bis zu 50 Prozent mehr bezahlt werden. Die neuen Preise werden derzeit in den traditionellen Jahresgesprächen zwischen Lieferanten und Kunden ausgehandelt. Diesmal haben es Thyssen-Krupp, Arcelor oder Salzgitter besonders eilig. Sie wollen die rasant gestiegenen Rechnungen ihrer Eisenerz- und Kokslieferanten so schnell wie möglich weitergeben.

In den letzten Verhandlungsrunden hatten sich die Stahlproduzenten noch mehr Zeit gelassen. Denn der Rohstoffmarkt dümpelte seit Jahrzehnten eher vor sich hin. Stahl- oder Minen-Aktien waren langweilig. Grund: „In der Tendenz waren die Preise für fast alle Rohstoffe wegen Überkapazitäten auf Talfahrt“, berichtet der Rohstofffachmann beim HWWA in Hamburg, Klaus Matthies. Damit ist es vorbei. Thyssen- oder Salzgitter-Papiere sind gefragt wie lange nicht mehr. Die Bankanalysten machen sich eher Sorgen um die börsennotierten Verarbeiter von Eisen und Stahl.

Auslöser für den Rohstoffboom sind vor allem die aufstrebenden Nationen wie China oder Indien, die seit Monaten den Weltmarkt leer kaufen. Gekoppelt mit der anziehenden Weltkonjunktur gab es für Rohstoffpreise kein Halten mehr. Aluminium, Nickel, Blei oder Zinn waren binnen Jahresfrist doppelt so teuer. Eisenerz kostete 28 Prozent mehr. Doch selbst Brancheninsider hatten nicht damit gerechnet, dass es Rohstoffpreise gibt, die wie bei Koks kurzfristig um bis zu 200 Prozent explodierten.

Trotzdem geben die Experten Entwarnung – zumindest für 2005. In einer gemeinsamen Studie von 44 Forschungsinstituten aus 21 Ländern, die zweimal im Jahr Preisprognosen für die weltweiten Rohstoffmärkte abgeben, heißt es: Viele Preise haben im Jahr 2004 ihren Gipfel bereits überschritten. Grund sei die Abkühlung der Weltkonjunktur. Sinkende Preise trauen sich die Wissenschaftler allerdings nicht vorherzusagen. Die „Aussichten für ein Nachgeben sind noch ungewiss“, heißt es in dem Papier. Denn vielleicht, so HWWA-Forscher Matthies, „ist der langfristige Abwärtstrend jetzt gebrochen“. Vielleicht aber auch nicht. Wenn in China, so wird in Expertenkreisen längst diskutiert, das Wachstum von jetzt jahresdurchschnittlich neun Prozent einbricht oder das Reich der Mitte sogar auf einen Crash zusteuert, könnten die Rohstoffpreise wieder kräftig fallen.

Aktuell jedoch verleitet der Boom Bergwerkskonzerne wie Stahlhersteller in aller Welt, ihre Kapazitäten auszuweiten. So will Thyssen-Krupp für 1,3 Milliarden Euro ein neues Stahlwerk in Brasilien bauen. RAG-Chef Werner Müller hat sogar vorgeschlagen, in Deutschland eine neue Zeche zum Abbau von Kokskohle zu bauen. Beim Stahl, sagt Matthies, gebe es sogar schon Befürchtungen, dass die Branche in ungefähr fünf Jahren wieder mit massiven Überkapazitäten zu kämpfen habe.

Den Autoherstellern nutzen solche Szenarien zurzeit allerdings wenig. Die Schweizer Investmentbank CSFB schätzt, dass allein VW und der deutsch-amerikanische Autokonzern Daimler-Chrysler jeweils rund 1,5 Milliarden Euro an Zusatzkosten durch die Explosion der Rohstoffpreise zu verkraften haben. Unter der Regie des Branchenverbandes VDA hat es deshalb sogar Gespräche zwischen Stahllieferanten, Autokonzernen und deren Zulieferern gegeben. Ziel war es, die Preisanpassungen vor allem für die mittelständischen Metallverarbeiter moderat zu gestalten. Doch mehr als eine Bekundung des Goodwill von Thyssen-Krupp und Co. gab es nicht.

Doch nicht nur die Autoindustrie leidet unter den hohen Rohstoffkosten. Den Maschinenbauern geht es nicht besser. Schon der rasant wachsende Außenhandelswert des Euro macht den zumeist mittelständischen Anbietern von Drehbänken, Bohrmaschinen oder Lackieranlagen schwer zu schaffen. Jetzt kommen noch die explodierenden Rohstoffkosten hinzu. Bis zu 40 Prozent der Wertschöpfung einiger Hersteller gehen auf das Konto Stahl. Die Folgen steigender Rohstoffpreise auf diese Branche sind umso gravierender, als ausgerechnet der Maschinenbau bislang wegen des Exportbooms zu den wenigen Stützen der Konjunktur in Deutschland zählte.

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