Wirtschaft : Teurer Stoff

Diesel und Benzin – bei den Preisen fast gleichauf. Das liegt an der gestiegenen Nachfrage in den USA und Europa

Jens Tönnesmann

Düsseldorf - Warum ist Sprit so teuer? Und was ist günstiger: ein Dieselfahrzeug oder ein Benziner? Diese Fragen beschäftigen derzeit viele Autofahrer. „Wir merken, dass die Kunden genau rechnen, welches Auto sich eher lohnt“, heißt es bei der Möbus-Gruppe, die mehrere Autohäuser in Berlin betreibt.

Bisher war die Rechnung relativ einfach: „Dieselfahrzeuge sind zwar bei der Anschaffung teurer als Benziner, außerdem ist die KFZ-Steuer höher“, sagt Rainer Hillgärtner vom Autoclub Europa (ACE). „Der wichtigste Vorteil der Dieselfahrzeuge war aber lange, dass der Kraftstoff an der Zapfsäule geringer besteuert wird und günstiger zu haben ist.“ Daher rechnete sich ein Dieselauto umso mehr, je größer die Distanzen waren, die man damit zurücklegte.

Aber dieser Vorteil schwindet: Im Verhältnis zu Benzin ist Diesel so teuer wie nie. Zuletzt kostete ein Liter im Bundesdurchschnitt etwa 1,40 Euro und war damit nur knapp sieben Cent günstiger zu haben als der Ottokraftstoff – das sind etwas mehr als fünf Prozent Unterschied. Im Mai vergangenen Jahres waren es noch etwa 20 Prozent. Und es ist nicht ausgeschlossen, dass der Abstand weiter schrumpfen und Diesel möglicherweise bald sogar mehr kosten könnte als Benzin, heißt es beim Mineralölkonzern BP/Aral.

„Das ist besonders ärgerlich für die Leute, die sich in den letzten Jahren für den Diesel entschieden haben“, sagt Jürgen Albrecht, Kraftstoffmarktexperte beim Autoclub ADAC. Und es ist unverständlich: „Eigentlich müsste der Unterschied durch die geringere Mineralölsteuer für Diesel bei 22 Cent liegen“, sagt Albrecht. Die Differenz von knapp zwölf bis 13 Cent pro Liter bleibe irgendwo auf dem Weg zum Endverbraucher hängen.

Während die Mineralölkonzerne die gestiegenen Einkaufskosten und die stark wachsende Nachfrage in Ländern wie China für die höheren Preise verantwortlich machen, vermutet Albrecht, dass die Konzerne mit Diesel möglicherweise bessere Geschäfte machen können als mit Benzin. An eine bewusste Strategie, Diesel künstlich gegenüber Benzin zu verteuern, um ihn unattraktiver zu machen, wie manche Autofahrer unterstellen, will er aber nicht glauben. Insgesamt orientierten sich die Spritpreise an der Tankstelle eng an den Ölpreisen.

Das bestätigt auch Hubertus Bardt vom Institut der deutschen Wirtschaft in Köln. „Unsere Modellrechnungen zeigen, dass die gestiegenen Benzinpreise sich sehr gut durch die höheren Ölpreise erklären lassen.“ Die Gründe für deren Anstieg auf knapp unter 120 Dollar pro Barrel sind aus Bardts Sicht vielfältig: Angriffe auf Pipelines in Nigeria, die enorm wachsende Öl-Nachfrage aus Schwellenländern und die steigenden Inflationserwartungen beflügeln den Ölpreis. Zudem haben viele Anleger angesichts des schwachen Dollars und der Finanzkrise in Rohstoffe investiert – und dabei auch auf steigende Ölpreise spekuliert. Der schwache Dollar sorgt dafür, dass die Preise in Europa nicht so stark gestiegen sind wie in den USA: „Seit Anfang vergangenen Jahres ist der Ölpreis in Dollar um rund 90 Prozent gestiegen, aber nur um gut 60 Prozent in Euro“, sagt Bardt. „Ein Drittel hat uns der starke Euro also abgenommen.“ Dass der Dieselpreis darüber hinaus noch stärker gestiegen ist, führt Bardt auf die insgesamt steigende Nachfrage zurück: „In den USA und Europa wurden in der Vergangenheit immer mehr Diesel-Fahrzeuge verkauft. Zudem hatten wir eine relativ lange Heizsaison – Heizöl und Diesel sind im Prinzip dasselbe.“

Angesichts der stark gestiegenen Spritpreise fordern die Autoclubs Zugeständnisse der Politik: „Die Bundesregierung sollte die Mehreinnahmen aus den Steuern dazu verwenden, die volle Pendlerpauschale wieder einzuführen“, fordert etwa ACE-Sprecher Hillgärtner. Derzeit scheinen sich viele Autofahrer jedenfalls genau zu überlegen, ob sie überhaupt ein neues Fahrzeug kaufen. Autos werden immer älter, bevor sie ersetzt werden, und die Zahl der PKW, die neu hinzukommen, sinkt. 2007 lag sie laut Kraftfahrtbundesamt auf dem niedrigsten Stand seit der Wiedervereinigung. Jens Tönnesmann

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