Textilwirtschaft : Schuften für Schnäppchen

Die niedrigen Preise bei Discountern sind mit unmenschlichen Arbeitsbedingungen erkauft: Bis zu 90 Stunden in der Woche sitzen Textilarbeiter an ihren Maschinen, damit Handelsunternehmen wie Aldi, Lidl oder Wal-Mart Kleidung billig anbieten können.

Esther Wiemann
Sri Lanka Textilproduktion
Textilproduktion in Sri Lanka. Die Arbeiterinnen nähen vor allem für Kunden im Westen. -Foto: AFP

BerlinEine Herrenjacke für 9,99 Euro, ein LCD-Fernseher für 199 Euro oder eine Kinderjeans für 5,99 Euro. Bei vielen Discountern gibt es regelmäßig Aktionsware zu Billigpreisen. Die Kunden freuen sich über die Schnäppchen von Aldi, Lidl und Co. Nur wenige fragen sich, wie diese günstigen Preise zustande kommen.

Die Bedingungen, unter denen die Produkte hergestellt wurden, werfen dabei oftmals kein gutes Licht auf die Discounter. Nach einer aktuellen Studie des Netzwerkes Clean Clothes Campaign (CCC) müssen Beschäftigte aus Textilfabriken in Indien, Bangladesch, Sri Lanka und Thailand, die die Handelsunternehmen Aldi, Lidl, Wal-Mart, Tesco und Carrefour beliefern, bis zu 90 Stunden in der Woche arbeiten. Überstunden würden oft nicht bezahlt und der Lohn sei so niedrig, dass die Menschen davon kaum leben könnten. Alle Versuche der Arbeitnehmer sich zu organisieren, würden unterdrückt. Am Dienstag will die Clean Clothes Campaign die internationale Studie in Amsterdam veröffentlichen.

87 Euro Monatsgehalt bei Aldi-Zulieferern

Schon in der vergangenen Woche hatte eine ähnliche Untersuchung der Wissenschaftlerin Ingeborg Wick vom Südwind-Institut in Siegburg für Aufsehen gesorgt. Beide Organisationen arbeiten eng zusammen. Gemeinsam mit chinesischen Partnern befragte Wick Beschäftigte aus sechs Fabriken in Südchina, die Elektronikgeräte, Haushaltswaren, Kosmetika und Textilien an den deutschen Discounter Aldi liefern. Zusätzlich schleusten sich chinesische Mitarbeiterinnen heimlich in die Fabriken ein. Das Ergebnis: „Die meist weiblichen Beschäftigten arbeiten bis zu 91 Stunden pro Woche und können dennoch von ihren kargen Löhnen kaum leben“, sagt Wick. Zwischen 87 und 113 Euro verdienten sie im Monat. Fehler würden mit Geldbußen bestraft. Nach der Studie von Wick erhalten die Frauen weder Mutterschutz noch könnten sie unabhängige Gewerkschaften gründen. Allein Aldi biete jährlich rund 2500 Aktionswaren zu niedrigen Preisen an und erwirtschafte damit etwa 20 Prozent seines Gesamtumsatzes. Das Handelsunternehmen hat sich noch nicht zu den Vorwürfen geäußert.

Die Studie werde gerade geprüft, teilte die Aldi Einkauf GmbH dem Tagesspiegel auf Anfrage mit. Das Unternehmen sei sich aber seiner besonderen Verantwortung bewusst. Deshalb sei man Anfang 2008 der Business Social Compliance Initiative (BSCI) beigetreten, einer Initiative, deren Mitglieder sich zur Umsetzung sozialer Standards verpflichten.

Weltweite Standards gefordert

Solche Selbstverpflichtungen seien nur freiwillig und hätten Glaubwürdigkeitsprobleme, kritisiert dagegen Wick. Sie fordert daher global geltende Bestimmungen mit verbindlichen Arbeits- und Umweltstandards. Außerdem sollten Unternehmer verpflichtet sein, dem Konsumenten Auskunft über die Herstellerbetriebe zu geben, fordert sie. Bisher gelte dies nur mit Ausnahmen gegenüber dem Staat. Die Vorwürfe von Südwind richten sich nicht nur gegen Aldi: „Die in der Untersuchung aufgezeigten Missstände sind kein Einzelfall“, sagt Wick. Durch die kurzen Lieferfristen und den Konkurrenzdruck lade das Discounterprinzip gerade dazu ein, preisdrückerisch zu sein.

Der Wettbewerb auf dem Markt der Billigprodukte wird zurzeit immer härter. Bereits zum dritten Mal in diesem Jahr senkten mehrere Discounter in Deutschland kürzlich die Preise. Gespart werde im Einkauf, vermutet Wick.

Hubertus Pellengahr, Geschäftsführer des deutschen Einzelhandelsverbands, warnt dagegen vor Pauschalisierungen. „Nicht alle Zulieferfirmen aus Fernost verstoßen gegen arbeitsrechtliche Mindeststandards“, sagt er. Die deutschen Unternehmen seien sich ihrer sozialen Verantwortung durchaus bewusst. Einige würden deshalb mit Nichtregierungsorganisationen direkt zusammenarbeiten, um das soziale Umfeld der Arbeiter zu verbessern. Eine hundertprozentige Kontrolle der Zulieferkette durch die Unternehmen sei allerdings nicht möglich, räumt Pellengahr ein.

Für den Käufer kaum zu erkennen

„Man sieht einer Hose oder einem Hemd nicht an, unter welchen Bedingungen sie hergestellt wurden“, sagt Christian Thorun vom Bundesverband der Verbraucherzentralen. Alle Faustregeln seien hier unbrauchbar. Auch wenn etwas teuer sei, heiße das noch lange nicht, dass die arbeitsrechtlichen Mindeststandards eingehalten worden seien. Das Einzige, was Anhaltspunkte geben könnte, seien Fair- Trade-Label mit einem oft sehr geringen Produktangebot und Tests der Stiftung Warentest, bei denen unter anderem auch die Arbeitsbedingungen bei den Herstellern überprüft werden. „Für uns stellt sich die Frage, ob die Einhaltung von arbeitsrechtlichen Mindeststandards überhaupt der Kaufentscheidung des Verbrauchers überlassen werden kann“, sagt Thorun. Für die Durchsetzung der Rechte sei vielmehr die Regierung gefordert, zum Beispiel durch eine Zertifizierung der Produkte. Nur Waren aus geprüften Fabriken sollten demnach auf dem deutschen Markt verkauft werden dürfen.

Auch die Verbraucher sehen die Verantwortung bei Staat, Industrie und Handel. 68 Prozent der Deutschen sind nach einer Umfrage des Branchenblattes „Textilwirtschaft“ dieser Meinung. Nur vier Prozent achten beim Kleidungskauf grundsätzlich darauf, dass bei der Herstellung soziale Standards eingehalten wurden. Immerhin gaben 27 Prozent an, sie würden mehr für Mode bezahlen, die fair und umweltfreundlich gehandelt wurde.

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