Wirtschaft : The Wall Street Journal: Der Wahn vom Rinderwahnsinn

Andrew Higgins

In Europa grassiert die Angst. Eine furchtbare und seltene Krankheit, die das menschliche Gehirn zerstört, versetzt den Kontinent in Panik. Doch ist der Wahn, den der Rinderwahnsinn ausgelöst hat, im Vergleich zur tatsächlichen Bedrohung übertrieben: Die Creutzfeld-Jacobs-Krankheit (CJD) hat seit 1995 weit weniger Menschen das Leben gekostet als die Unfälle auf Europas Straßen an einem Tag. Aber genau darum geht es, denn die wirkliche Krise ist psychologisch: Es geht um verwirktes Vertrauen und zerbrochene Mythen. Eine europäische Regierung nach der anderen musste ihre Worte zurücknehmen und zugeben, dass auch ihr Land nicht frei von BSE ist. Gleichzeitig zeigte der Virus der Wissenschaft ihre Grenzen.

Niemand weiß sicher, wie der Rinderwahn anfing, wie lange die Inkubation dauert und wie viele Menschen vielleicht in den kommenden Jahren daran sterben werden. Das Ergebnis der Unsicherheit: In Europa ging der Verbrauch von Rindfleisch in den vergangenen drei Monaten um 50 Prozent zurück und die Einzelhandels-Preise um 35 Prozent.

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Die gegenwärtige Hysterie, die ganz Europa erfasst hat, hat ihren Ursprung in Villers-Bocage, einer kleinen von der Landwirtschaft geprägten Stadt landeinwärts von den Stränden der Normandie, wo die Alliierten 1944 die Befreiung Westeuropas starteten. Im Oktober fiel Gesundheitsinspekteuren im örtlichen Schlachthof ein wackliges Rind auf. Es wurde, nachdem der Test auf BSE positiv ausgefallen war, rasch und in aller Stille vernichtet. Zwei Tage später stand Villers-Bocage im Mittelpunkt einer nationalen Panikwelle. Das geheime Testergebnis war an die Öffentlichkeit gelangt und ein schreckenserregender Verdacht plagte ganz Frankreich: Waren möglicherweise elf weitere Rinder aus der selben Herde, die zu einem früheren Zeitpunkt geschlachtet worden waren, mit der gleichen Krankheit infiziert? Hatte sich das BSE-Virus vielleicht schon über die Fleischtheken im ganzen Land verteilt? Villers-Bocage, beschwert sich Bürgermeister Xavier Lebrun, wurde zu einem Ort der Seuche. Fernsehteams belagerten die Stadt, um den Schlachthof zu filmen. Die Supermarktkette Carrefour, der wichtigste Kunde des Schlachthofs, stellte den Verkauf von Fleisch aus Villers-Bocage ein. Auch der Supermarkt in Villers-Bocage verbannte örtliche Fleischprodukte aus seinen Regalen.

Anstatt die Sorgen der Öffentlichkeit aufzufangen, fachte die Brandmarkung von Villers-Bocage die Furcht nur weiter an. Innerhalb von Tagen gingen die Rindfleischverkäufe in Frankreich um etwa 40 Prozent zurück. Nahrugsaufnahme und Tod standen auf einmal miteinander in Verbindung und Angst beherrschte die Bevölkerung.

Für viele Verbraucher sei das grundlegendste menschliche Bedürfnis zum russischen Roulette geworden, erläutert Ulrich Beck, ein Soziologe der Universität München, das Phänomen der Angst. Beck prägte den Begriff der Risikogesellschaft als Erklärungsmodell für die Überreaktion der Gesellschaft auf bestimmte Gefahrensituationen. Jede Autofahrt oder jede Überquerung einer Straßenkreuzung birgt ein Risiko, allerdings ein kalkulierbares. "Hier verbirgt niemand etwas vor Ihnen", sagt Beck. Und jetzt werden wir plötzlich mit einem Risiko konfrontiert, das keiner wirklich kalkulieren kann. Alles, was wir über Rinderwahn wissen, ist was wir nicht wissen. Diese Unsicherheit untergräbt die heutige Basis der Entscheidungsfindung sowohl jedes einzelnen als auch der Regierungen. Die Strategie, die Wahrscheinlichkeit von Vor- und Nachteilen einer Handlung abzuwägen und so zu versuchen, den Zufall zu zähmen, greift nicht mehr.

Andererseits denkt der Mensch oft nicht rational. Bereits im siebzehnten Jahrhundert äußerte eine Gruppe französischer Philosophen Bestürzung darüber, dass die Leute übermäßig viel Angst vor Gewittern hätten. Die Angst vor Schaden sollte nicht nur im Verhältnis zu der Schwere des Schadens stehen, sondern auch im Verhältnis zur Wahrscheinlichkeit. Da es kaum eine seltenere Todesursache gebe, als von einem Blitz getroffen zu werden, sei die Angst vor Gewittern übertrieben. Das selbe könnte für den Rinderwahnsinn gelten - aber weil niemand die Gefahr wirklich einschätzen kann, ist die Berechnung des Risikos mit nüchternem Verstand unmöglich. Das Eingeständnis der Wissenschaftler, dass sie noch keine genauen Ergebnisse liefern können, bereitet Untergangs-Visionen fruchtbaren Boden: Zehntausende von Opfern und biblische Zahlen von Toten sehen da manche auf Europa zukommen, sogar der Vergleich mit der Pest wird gezogen.

Vorbeugung heißt nun das Allheilmittel: Die Bevölkerung fordert von Unernehmen und Regierungen nicht nur gegen bewiesene, sondern auch gegen mögliche Gefahren vorzugehen. Das Prinzip "Vorbeugung" brachte Carrefour dazu, alles Fleisch aus Villers-Bocage aus seinen Regalen zu räumen und es steckt auch hinter der europaweiten Revolte gegen genetisch veränderte Lebensmittel. Doch auch institutionalisierte Vorsicht birgt Gefahren. Sie beraubt uns jeglicher Chance, aus unseren Fehlern zu lernen und verdammt uns zum Rückschritt, sagt der englische Arzt Michael Fitzpatrick, der ein Buch über die Angst vor Gesundheitsrisiken geschrieben hat. Ein Beispiel: Die französische Behörde für Lebensmittelsicherheit empfahl vor kurzem, die Innereien und Gehirne von Ziegen und Schafen vom Verzehr durch den Menschen auszuschließen - sicherheitshalber. Dabei waren diese Tiere anfangs von BSE gar nicht betroffen, sie bekamen den Virus erst als man ihnen Gehirngewebe von BSE-infizierten Rindern ins Gehirn injizierte.

Panik kann aber auch so schnell vorübergehen wie sie gekommen ist. Das entdeckte Rainer Felix, ein verzweifelter Fleischer aus der kleinen süddeutschen Stadt Markdorf. Weil er seine Lagerbestände nicht verkaufen konnte, schaltete er eine Anzeige in einer örtlichen Zeitung, in der er seine Ware gratis anbot. Die Leute hätten bereits um sieben Uhr in der Frühe angerufen, sagt er, und wollten das selbe Rindfleisch zurückgelegt bekommen, das sie vorher aus Angst vor BSE gemieden hatten.

Felixs Experiment macht den weit verbreiteten Glauben, das der Rinderwahnsinn Europa zu einem radikalen Umbau der Landwirtschaft treiben wird, zunichte. Renate Künast, die Verbraucherschutzministerin der Grünen, ist der Überzeugung, dass die weit teureren Produkte aus ökologischer Landwirtschaft in zehn Jahren 20 Prozent der europäischen Lebensmittelproduktion ausmachen könnten. Derzeit sind es nur etwa 2,5 Prozent. Felix hat seine eigene Sicht darüber entwickelt, was die Verbraucher verdauen werden. Sie wollen es nur billig, billig, billig, sagt er.

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