Wirtschaft : The Wall Street Journal: Die britische Lotterie weckt Begehrlichkeiten

Marc Champion

Seit dem Tag vor sechs Jahren, als Jakob Rothschild die Aufgabe übernahm, jährlich über 350 Millionen Pfund aus Lotterieeinnahmen zu verfügen, ahnte er, dass die Tage seines Amtes gezählt sein könnten. Als die britische Regierung 1994 die Lotterie ins Leben rief, errichtete sie fünf eigenständige Fonds, um die Lottoüberschüsse "guten Zwecken" zuzuführen. Insbesondre Sport, Kunst und Wohltätigkeit sollten dort gefördert werden, wo staatliche Hilfe fehlt.

Während in anderen Staaten die Lotterien häufig zwecks Aufstockung des Haushalts abgeschöpft werden, verzichtete die britische Regierung also auf einen großen Teil der Einnahmen. "Wir hatten auf einmal die Möglichkeit, fast ohne Aufsicht der Regierung zu arbeiten", erinnert sich Lord Rothschild, der bis 1998 dem Heritage Lottery Fund zur Verteilung der Lottoerlöse vorstand. "Doch wir erwarteten nicht, dass dies immer so bleiben würde."

Bislang steuerte die britische Lotterie bereits 9,2 Milliarden Pfund zu verschiedenen Projekten bei, darunter über 700 Millionen Pfund für Galerien und Museen. Solche umfangreichen Investitionen in die Kultur hatte es seit den Zeiten von Königin Victoria nicht mehr gegeben. Jedes große Museum in London wurde renoviert oder erweitert. Auch außerhalb der Hauptstadt haben die Lottomittel vieles bewegt, sei es für das 94 Millionen Pfund teure Lowry-Kunstzentrum bei Manchester oder für den neuen botanische Garten von Wales, der unter einer riesigen Glaskuppel liegt. Lord Rothschlid war einer derer, die unablässig in die kulturelle Infrastruktur des Landes investierten. "Wir erkannten", sagt er heute, "dass wir auch Dinge tun mussten, die politisch unpopulär waren, weil sie sonst keiner getan hätte."

Seit dem greift die Regierung bei den Ausgaben zunehmend ein und macht immer mehr Mittel für Aufgaben in traditionellen Breichen wie Gesundheit und Bildung geltend. "Es ist einfach politischer Opportunismus", meint John Tusa, der Geschäftsführer des Theaterkomlexes Barbican im Zentrum von London. "Früher oder später wird das britische Finanzministerium seine klebrigen Tatzen überall haben", sagt er.

Bereits zur Gründung der Lotterie behielt sich der damalige Premierminister John Major mit dem so genannten Millenium-Fonds die Kontrolle über einen Teil der Erlöse vor. Die weiteren vier Fonds fördern das kulturelle Erbe, die Kunst, den Sport und Wohltätigkeit. Doch der Millenium-Fonds, der Projekte der Jahrtausendwende unterstützte, wurde stark von offiziellen Programmen der Regierung geprägt. Aus diesem Fonds finanzierte man den Millenium-Dom im östlichen London, der inzwischen als Inbegriff für Eitelkeit, Mittelmaß und finanzielle Torheit der Regierung gilt. Bislang hat er 628 Millionen Pfund an Lotteriegeldern verschlungen. Doch so abschreckend diese Erfahrung für die Labourregierung auch ist, sie denkt nicht daran, auf ihre Einflussnahme zu verzichten. Im Gegenteil.

Seit ihrer Einführung wurde die Lotterie zur nationalen Leidenschaft - ebenso die Verwendung der Gewinne. Als bekannt wurde, dass enorme Summen für Institutionen wie das Royal Opera House ausgegeben wurden, fragte die britische Boulevardpresse, warum die betuchten Operngänger von Lottospielern subventioniert werden sollten. Die Lotterie wurde zum politischen Schlachtfeld und die Labourpartei versprach, mehr Geld für Menschen und weniger für Gebäude auszugeben. Und als eine seiner ersten Amtshandlungen bestimmte Tony Blair einen sechsten "guten Zweck" und kreierte den New Opportunity Fund, der auf Gesundheits- und Bildungsprojekte zugeschnitten ist.

Kritiker werfen der Regierung vor, auf diese Weise nur ihren Etat aufbessern zu wollen. In diesen Topf werden auch die Mittel des Millenium-Fonds fließen, der im September 2001 eingestellt wird. Damit untersteht der Regierung künftig immerhin die Kontrolle über ein Drittel der Lotterie-Überschüsse, was im Laufe einer siebenjährigen Lizenzdauer 3,4 Milliarden Pfund ausmacht. Hinzu kommen drei Millarden Pfund, die als Steuer auf Lottogewinne erhoben werden.

Gleichzeitig ist ungewiss, wer für die Unterhaltung all der neuen Einrichtungen aufkommen soll. Weil die Besucher ausblieben, waren viele Projekte, darunter auch der Millenium Dom, unwirtschaftlich. Einige, wie das Museum für populäre Musik in Sheffield, musste man bereits schließen. Wo die Medien den Lottoprojekten einst Elitedenken vorwarfen, beklagt die gesellschaftliche Elite zunehmend eine Kulturlosigkeit der Regierung. "Sehen Sie sich den Dom an - eine Beleidigung für alle Briten", meint der der Theatermanager Tusa. "Es sollte eine Art New-Labour-Paradies werden, tatsächlich ist es die Disneyfizierung von Kultur." Tony Blair wurde bereits als "Kulturvandale" bezeichnet. Auch wenn sich die Prioritäten bei der Verwendung der Gelder inzwischen geändert haben, dem Zufluss in die Lottokassen schadete die Debatte keineswegs. Noch immer gibt es riesige Reserven, die es auszugeben gilt. Nach Bruce La Fleur, der mit seiner New Yorker Unternehmensberatung Lottogesellschaften bewertet, ist das britische Modell in Sachen Erlösverwendung immer noch "ziemlich einzigartig".

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