Wirtschaft : The Wall Street Journal: Ein kleiner Hoffnungsschimmer für Mosambik

Roger Thurow

Die Höhe der zusätzlichen Mittel im Jahreshaushalt seiner Schule in Boane ließen Ocelio Rafael Zivane vor Glück fast von seinem Direktorenstuhl kippen. Ganze 6050 Euro extra - eine Steigerung von 50 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Für mozambikanische Verhältnisse ist dies eine fürstliche Summe. Mit dem Geld erfüllte sich Zivane einen lang ersehnten Wunsch: eine Bibliothek mit Tischen, Stühlen und glänzenden Metallregalen mit handgeschriebenen Schildern für Mathe, Erdkunde, Politische Bildung und Portugiesisch, der Landessprache. An der Wand hängt ein Schild mit der Aufschrift "Bitte Ruhe". Ruhe herrscht dort tatsächlich. Abgesehen von einem Stapel alter National Geographics und ein paar englischen Kinderbüchern sind die Regale genauso leer wie die Bibliothek. Nach notwendigen Gebäudereparaturen und dem Kauf von Schulmaterial reichte das Geld nicht mehr, um die Regale zu füllen. "Es ist immerhin ein Anfang", sagt Zivane.

Eine Grußkarte mit dem Namen des Absenders steckte nicht im Geldumschlag. "Aber ich glaube, wir verdanken es der Schuldenerleichterung", sagt er. "Ich habe gehört, dass die Schuldenerleichterung mehr Geld für uns bedeutet. Und wir haben mehr Geld bekommen." Diese Rechnung des Direktors geht auf. Jahrzehntelang war Mosambik im Teufelskreis gefangen: Das Geld, das aus den Industriestaaten als Entwicklungshilfe kam, ging direkt für die Zahlung des Schuldendienstes an Länder wie Frankreich, Großbritannien und die USA zurück. Diese Ausgaben in Höhe von jährlich 110 Millionen Euro lagen sogar noch unter den tatsächlichen Forderungen, und verschlangen etwa ein Viertel der Exportgewinne des Landes. Für die medizinische Grundversorgung wurden weniger als zwei Euro pro Kopf aufgewandt, und durch den Schulmangel wird die Analphabetenrate von 60 Prozent kaum gesenkt werden können.

Unter dem Druck der Weltöffentlichkeit wurde Mosambik, das lange Zeit gegen Bürgerkrieg, eine ruinöse Wirtschaftspolitik und Naturkatastrophen anzukämpfen hatte, schließlich von seinen Gläubigern als ein würdiger Kandidat auserkoren, eines der ersten und größten Schuldenerlasspakete für besonders hoch verschuldete Entwicklungsländer zu erhalten. Im Sommer 1999 begannen die Kreditgeber mit einer Reduzierung der Schulden um 4,4 Milliarden Euro. Dadurch verbleibt mehr Geld, das in das Land investiert werden kann. Die Regierung hat seitdem den Etat für Gesundheitswesen, Bildung und andere Bereiche der Grundversorgung aufgestockt. Zivanes Bibliothek ist ein Paradebeispiel dafür, was passiert, wenn ein paar Tropfen des warmen Geldregens auf verarmten Boden fallen.

Die Joaquim Chissano Sekundarschule in Boane, dreißig Kilometer von Mosambiks Hauptstadt Maputo entfernt, ist die einzige in einem Gebiet mit 157 000 Einwohnern. Nach Angaben von Direktor Zivane besuchen insgesamt 924 Schüler die Schule in drei Schichten am Tag. Sein Haushalt beläuft sich in diesem Jahr auf 18 000 Euro - die zusätzlichen Mittel durch den Teilschuldenerlass inbegriffen. "Ich würde gern bessere Bedingungen für unsere Schüler schaffen", sagt Zivane. "Unser Bedarf ist enorm." Das gilt für ganz Mosambik. In einem Land, in dem 80 Prozent der Angestellten in der Staatsverwaltung nur einen Grundschulabschluss haben, muss der Ausbau und die Verbesserung des Schulsystems oberste Priorität haben. Gelder aus dem Schuldenerlass fließen in den Ausbau neuer Grundschulen, so dass Kinder die Möglichkeit haben, wenigstens das achte Schuljahr abzuschließen.

Das wäre immerhin ein Fortschritt, aber ein moderner Staat lässt sich darauf kaum aufbauen. "Um unser Land aus eigener Kraft umzustrukturieren, brauchen wir entsprechende Köpfe und Hände", sagt Pedro Couto, Direktor im Ministerium für Entwicklung und Finanzen. "Wir brauchen mehr technische und weiterführende Bildungsangebote." Es gibt im gesamten Land derzeit weniger als 90 High Schools. Der Neubau von Grundschulen ist schön und gut, aber nutzlos ohne einen entsprechenden Ausbau eines höheren Bildungssystems. Der Etatanstieg entspricht jedoch lange nicht dem tatsächlichen Bedarf.

Damit öffnet sich ein neuer Teufelskreis: Mit dem Schuldenerlass wachsen die allgemeinen Hoffnungen auf einen Rückgang der Armut, was wiederum den Geldbedarf steigert und die Gefahr einer wachsenden Neuverschuldung heraufbeschwört. Bereits jetzt werden Rufe nach völligem Schuldenerlass laut. Die Weltbank und der Internationale Währungsfonds betonten jedoch kürzlich, dass ein vollständiger Erlass der Schulden nicht klug wäre.

Während des Kalten Kriegs wurde Mosambik zu einer Art Schlachtfeld zwischen Ost und West und die Machthaber hielten sowohl bei Kommunisten als auch bei Kapitalisten die Hand auf. Der Schuldenberg wuchs auf 8,8 Milliarden Euro - eine absurd hohe Summe für ein Land dessen Bruttoinlandsprodukt unter 2,2 Milliarden Euro lag. Weil der Großteil der Auslandskredite für den Bürgerkrieg verwendet wurde, blieb wenig für die Entwicklung des Landes übrig. Auf dem sogenannten Human Suffering Index stand Mosambik 1986 an erster Stelle. Damit war es das ärmste Land von allen.

Kurz vor Boane schlendert ein Mann die holprige Straße entlang, seine Aktentasche hin und her schwingend. Alfredo Arroz Simbe ist Lehrer an der neuen Grundschule im Dorf Siebter September. Jeden Tag läuft er elf Kilometer zur Schule und wieder zurück. Dank des größeren Bildungsetats konnte sich die Schule in diesem Jahr einen vierten Lehrer leisten. Sollte etwas Geld übrig sein, hat Simbe einen bescheidenen Wunsch: Ein Fahrrad.

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