Wirtschaft : The Wall Street Journal: Jagd auf den schwedischen Raubpiraten

Almar Latour,Scott Miller

Als Hans Rekestad mit dem Verkauf von Volvo-Gebrauchtwagen und -Ersatzteilen begann, hätte er nie im Traum daran gedacht, dass dies zu einen Rechtskrieg mit Ford Motor führen könnte, in dessen Verlauf das Unternehmen von ihm 100 000 Dollar Schadensersatz fordern und ihm die illegale Verwendung eines Namens im Cyberspace vorwerfen würde. Und das dies einen landesweiten Tumult in Schweden auslösen und Fernsehteams in Scharen zu seinem verwitterten Bauernhof aus Holz ziehen würden. Doch was er sich in seinen kühnsten Träumen nicht ausgemalt hätte, traf ein. Auch wenn der frühere Rallye-Rennfahrer mit seinen schmutzigen Fingernägeln, der ohne Angestellte in einem winzigen Büro mit Betonfußboden und ohne Heizung arbeitet, nicht so wirkt - er ist ein gefährlicher Raubpirat. Das entschied die Volvo Cars-Muttergesellschaft Ford im vergangenen Frühjahr. Und Raubpiraten muss, so der amerikanische Autohersteller, das Handwerk gelegt werden.

Was darauf folgte, gibt einen Einblick in die Beziehung von Ford zum Internet. Wie auch die anderen großen Autohersteller, liebt Ford die Vorstellung, das Netz für den Kauf von Komponenten, für Werbung und die Förderung eines Gemeinschaftsgefühls unter den Kunden zu nutzen. Doch das Unternehmen ist weniger glücklich darüber, dass es durch das Internet etwas die Kontrolle über sein geistiges Eigentum verliert. Daher fühlte sich Ford genötigt, gegen die Website ClassicVolvo.com von Rekestad vorzugehen. "Ford fühlt sich im Recht, seinen Markennamen zu schützen", sagt Unternehmenssprecherin Kirsten Kinley. Der Konzern habe in den vergangenen hundert Jahren Milliarden von Dollar in den Aufbau seines Rufs und seiner Marken investiert.

Der Pirat Rekestad war perplex

Über Marken hat sich der 48-jährige Rekestad nie einen Kopf gemacht - bis Ende Mai, als er einen dicken Briefumschlag aus Detroit in seinem Postkasten fand. Seine Website verstoße gegen das US-amerikanische Anti-Fälschungsgesetz, weil er die Volvo-Marke ohne Erlaubnis von Ford verwenden würde, erfuhr Rekestad. Eine Kanzlei, die für Ford arbeitet, untersagte ihm in dem 39-seitigen Dokument die Verwendung der Web-Adresse. Außerdem forderte sie 100 000 Dollar Schadensersatz und fügte hinzu, Ford habe in Ost-Michigan eine Klage beim Gericht eingereicht.

Rekestad war perplex. Seiner Meinung nach machte er mit seiner Websitze Werbung für Volvo. "Eigentlich müsste uns Ford statt einer Klage einen Scheck schicken", ärgert er sich auf ClassicVolvo.com. Wie solle er denn sein Unternehmen sonst nennen? Vielleicht ClassicVolov? Oder ClassicCarsFromSweddenNotSaab.com? Selbst Volvo war verblüfft. "Rekestad unterstützt uns", sagte Ingmar Hesslefors, ein Sprecher von Volvo Cars in Schweden. Ford habe Raketengeschosse auf Spatzen angesetzt. Doch der Vogel, so stellte sich heraus, verfügte über eigene Waffen. Seit jenem Maitag hat Rekestad Ford und Volvo mit E-mails bombardiert, in denen er erklärte, dass seine Arbeit Volvo nur nutzen würde. Er hat ein durchgestrichenes Ford-Logo auf seine Homepage gestellt.

Sein nächster Schachzug: Falls Ford an der Klage festhält, will er Spenden und Unterschriften von aufgebrachten Schweden sammeln, für die Volvo weiterhin ein Landessymbol ist und die sich mit ihm solidarisieren. In seinem Kampf erhält er viel Unterstützung: Schwedische Zeitungen haben seine Partei ergriffen und seit Mai hat sich die Besucherzahl seiner Website wegen zahlreicher E-Mails mit Solidaritätsbekundungen auf täglich 550 verdoppelt hat.

Rekestad ist zwar Ford nicht gewachsen, doch ist er mehr als ein durchschnittlicher Volvo-Liebhaber. Der Schwede ist irgendwie fanatisch. So hat er sich im Alter von zwölf Jahren für 300 Kronen (zwölf Euro) seinen ersten Volvo, einen gebrauchten PV aus dem Jahr 1951, gekauft. Obwohl der Wagen verrostet, der Motor laut und das Lenkkrad kaum funktionstüchtig war, handelte es sich um Liebe auf den ersten Blick. Woher kam die Anziehung? Das Auto habe ihn an den Mähdrescher erinnert, den er auf dem Bauernhof seines Vaters gefahren war. "Ein Volvo-Motor ist so einfach konstruiert wie der eines Traktors"" sagt er. "Man kann sich auf ihn verlassen." Als der Wagen drei Monate später den Geist aufgab, nahm er das Auto Stück für Stück auseinander, um zu verstehen, wie er funktionierte - wusste aber anschließend nicht mehr, wie er die Teile zusammensetzen sollte.

Drei Jahre später kaufte er sich für 300 Kronen einen zweiten Volvo - einen 444 von 1957. Doch dieses Mal bekam er ein offizielles Handbuch für Volvo-Reparaturen und verschlang es Tag und Nacht. Nach dem Abitur begann Rekestad mit der Reparatur von Volvos, um Geld für eine zweijährige Europareise zu verdienen. Nach seiner Rückkehr stieg er in den Handel mit Ersatzteilen ein. Er kaufte kaputte Volvos, nahm sie auseinander und verkaufte die Teile. Er begann auch einen Brancheninformationsbrief für Volvo, über den er instandgesetzte Volvo-Klassiker und Volvo-Ersatzteile verkaufte. Tagsüber reparierte er Autos in seiner Werkstatt, wobei er hin und wieder seine Arbeit unterbrach, um seinen geliebten Günter Grass zu lesen. Abends halfen ihm seine Frau und sechs Kinder bei der wachsenden Korrespondenz, indem sie die Briefe eintüteten und Marken auf die Umschläge klebten. Langsam aber sicher machte sich Rekestad einen Ruf unter den Volvo-Fans - in Schweden und sogar im Ausland.

1996 erfuhr Rekestad dann vom Internet. Das löste einen Ehrgeiz in ihm aus, von dem er gar nicht gewusst hatte, das er ihn besaß. Er konnte nun seinen Brancheninformationsbrief im Web veröffentlichen, was ihm erlaubte, Wagen und Teile über E-Mail zu kaufen und verkaufen. ClasicVolvo.com war von Anfang an eine Erfolgsgeschichte. Mehr als 250 Internetnutzer besuchten täglich seine Website - während er früher nur 30 Anrufe am Tag erhalten hatte. Doch Rekestad träumte von mehr. Eines Tages würden Risikokapitalgeber in seine Website investieren und er könnte sie zu einem weltweiten Portal rund um Volvo-Klassiker machen. Um Geldmittel aufzutreiben, bot er seinen Domain-Namen für 250 000 Dollar zum Verkauf an. Doch zu Rekestads Pech wurde damit die Holdinggesellschaft auf ihn aufmerksam, welche die Volvo-Marke - die zu gleichen Teilen Ford und dem Lastwagenhersteller AB Volvo gehört - überwacht. Die Gesellschaft nahm Kontakt zur Ford-Rechtsabteilung auf. Und darauf folgte später der 39-seitige Brief an Rekestad.

Ford steht zu seinem Vorgehen. Unter anderem befürchte der Autohersteller, dass Besucher von Rekestadts Website glauben könnten, sie werde von Volvo und Ford betrieben, sagt eine Sprecherin. Das könne potenzielle Kunden verwirren und verärgern. Zumindest in einem Fall, erklärt sie, habe auf einer Website, die auf den Namen eines anderen Unternehmens lief, Pornographie gestanden. Das Unternehmen wartet darauf, dass seine Klage vor Gericht angehört wird. Doch unabhängig davon, wie das ausgeht, will Rekestad weiter kämpfen: "Es wird Jahre dauern, bis sie mich abschießen können."

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