Wirtschaft : The Wall Street Journal: Ökolandbau ist kein Weg zu schnellem Reichtum

Brandon Mitchener

Die europäische Rindfleischproduktion zu ändern, ist leichter gesagt als getan. Davon kann Heinz Jentjens ein Lied singen. Angelockt durch die Aussicht auf höhere Profite hat der deutsche Landwirt etwa 30 000 Mark und ein Jahr harte Arbeit investiert, um sein Rindfleisch künftig biogerecht herzustellen. Sein Lohn? Vergangenen Monat hat Bioland, der größte deutsche Verband für Bio-Produkte, ihm mitgeteilt, dass die meisten seiner 400 Rinder den Anforderungen nicht genügen. Bioland hat wegen der durch die Rinderseuche BSE ausgelösten Panik unter den Verbrauchern die Regeln verschärft und plötzlich sind Jentjens Tiere keine richtigen Bio-Rinder mehr. "Das können sie nicht machen", sagt Jentjens, der jetzt mit Einkommensverlusten in Höhe von 80 000 Mark rechnet.

Doch, sie können. Jentjens Erfahrung kann in einer Zeit, in der die schlechten Nachrichten in der Landwirtschaft nicht enden wollen, als warnendes Beispiel dienen. Ökologische Landwirtschaft scheint eine einfache Lösung zu sein, um das Vertrauen der Verbraucher zurückzugewinnen. Sie ist es aber nicht. Seit Jahren wird das Vertrauen der europäischen Verbraucher in Fleischprodukte durch Berichte über verseuchtes Viehfutter, Rinderwahnsinn und jetzt durch den Ausbruch der Maul- und Klauenseuche in Großbritannien erschüttert. Die Nervösität der Verbraucher führte dazu, dass die Nachfrage nach Bio-Produkten wuchs. Die Zahl der Öko-Betriebe in Europa ist von gerade einmal 12 240 im Jahre 1989 um mehr als das zehnfache auf geschätzte 127 134 Betriebe im Jahr 1999 angestiegen.

Viele europäische Politiker wollen, dass noch mehr Landwirte diesem Beispiel folgen. Die Sache hat aber einen Haken: Eben jene Nervosität der Verbraucher, die solche Forderungen hat laut werden lassen, wird auch dazu führen, dass die Kriterien für das, was wirklich "bio" ist, verschärft werden. Bioland, dem 3500 der 10 000 deutschen Bio-Bauern angeschlossen sind, wird nicht der letzte Verband sein, der die Richtlinien ändert. Auch in der Europäischen Union und in den Mitgliedstaaten wird über eine Verschärfung der Kriterien nachgedacht; Frankreich und Belgien haben bereits entsprechende Maßnahmen eingeleitet. Heinz Jentjens hat diese Ereignisse kaum vorausgesehen, als er 1999 den Schritt in die ökologische Landwirtschaft wagte.

Der 49-jährige Landwirt, dessen Betrieb 75 Kilometer nordwestlich von Düsseldorf zwischen der Autobahn und dem Rhein liegt, hatte 1970 mit einer Kuh und drei Schweinen angefangen. Um die Kriterien von Bioland zu erfüllen, durfte Jentjens seine Rinder zum Beispiel nicht Tag und Nacht auf Spaltenböden halten. Also brach der Landwirt Türen zu einer angrenzenden Scheune durch, damit seine Rinder in einem separaten Stall auf Stroh schlafen konnten. Er brachte seine Tiere nun von März bis Dezember auf die Weide, um sie weniger anfällig für Rinderinfluenza und andere Krankheiten zu machen und auf die Behandlung mit Antibiotika verzichten zu können.

Am schwierigsten war es, auf den Einsatz von Chemikalien zu verzichten. Um die Richtlinien von Bioland zu erfüllen, durfte Jentjens seinem Vieh kein Getreide füttern, das mit Pestiziden oder Kunstdünger behandelt worden war und nicht mehr als zehn Prozent seines Futters zukaufen. Damit er mehr Getreide anbauen konnte, musste er zusätzlich 25 Hektar pachten - für 20 000 Mark jährlich. Er musste außerdem 10 000 Mark zusammenkratzen, um das Unkraut auf altmodische Art und Weise bekämpfen zu können: mit Hacke und Pflug. "Ich hätte nicht gedacht, dass ich ohne Chemikalien auskommen würde", sagt Jentjens und lässt eine zartgrüne Mischung aus Gras und Klee durch seine Finger gleiten. Der Klee versorgt den Boden mit Stickstoff; es sei so gut wie "Stickstoff aus dem Sack", meint Jentjens. Jede Aktion zur Bekämpfung des Unkrauts dauert drei bis fünf Tage und ist weniger effektiv als der Einsatz von Chemikalien. "Wenn das Getreide schneller als das Unkraut wächst, haben wir gewonnen", sagt er.

Jentjens hatte erwartet, im kommenden Jahr Rindfleisch an Bioland liefern zu können. Die Regeln sahen vor, dass auch Rinder, die auf konventionellen Betrieben geboren waren, die Kriterien erfüllten, wenn sie mindestens 75 Prozent ihres Lebens auf dem Bio-Betrieb gehalten wurden. Dann aber gab es im letzten Monat eine unangenehme Überraschung: Jentjens erhielt ein Fax von Bioland, in dem ihm mitgeteilt wurde, dass der Verband seine Regeln - rückwirkend - geändert habe. Nur Rinder, die auf Bio-Betrieben geboren und deshalb vermutlich frei von BSE seien, würden nun als "biologisch" eingestuft. Das traf auf große Teile von Jentjens Herde nicht zu.

"Wir können nicht länger sicher sein, was die konventionellen Landwirte vor der BSE-Krise verfüttert haben", erklärt Thomas Damm, ein Mitarbeiter der Firma, die für Bioland die Bio-Betriebe untersucht. "Wenn wir ein hohes Maß an Verbraucherschutz garantieren wollen, dann müssen wir festlegen, dass nur Tiere, die auf Bio-Betrieben geboren wurden, biologisch-organisch sein können", sagt er.

Jentjens ist wütend. "Schröder hat jetzt bereits seine vierte Frau. Dass er seine Politik über Nacht ändert, ist klar. Aber von Bioland hätte ich das nicht erwartet." Kein Wunder, dass den meisten Bauern in Europa eine Umstellung auf Öko-Landwirtschaft zu riskant ist. "Wenn die Landwirte mit der Öko-Landwirtschaft mehr Geld als mit der konventionellen Landwirtschaft machen könnten, dann würden mehr auf Öko-Landwirtschaft umsteigen", sagt Christian Wucherpfennig, ein Öko-Berater der Landwirtschaftskammer Rheinland, bei der auch Jentjens Mitglied ist. "Ökonomisch gesprochen ist die Öko-Landwirtschaft eine Alternative, aber nicht die Straße zum Reichtum."

Das braucht man Jentjens nicht zu sagen. Für die Umstellung auf Ökoanbau erhält er 400 Mark pro Hektar vom Staat, was, wie er sagt, kaum die zusätzlichen Kosten abdeckt. Von den Landwirten in seiner Gegend fiel Jentjens die Umstellung auf Ökolandbau jedoch mit am leichtesten. Er hatte bereits vor zehn Jahren die ersten Schritte in diese Richtung unternommen und seine Rinder weitgehend artgerecht aufgezogen. Diese Weitsicht hat sich gelohnt. Nach dem ersten BSE-Fall in Deutschland sind die Rindfleichpreise dramatisch gefallen. Jentjens mag zwar statt der von Bioland erhofften sieben Mark von seinem Metzger nur sechs Mark pro Kilogramm erhalten. Aber damit ist er noch besser dran als seine Kollegen aus der konventionellen Landwirtschaft, die zum Teil nur noch 3,30 Mark erhalten. Zurückblickend meint er, dass sich die Umstellung "ausgezahlt" habe. "Aber nicht viel", meint Waltraud, seine Frau. "Wir sind nicht schnell reich geworden", räumt er ein. "Langsam auch nicht", kontert seine Frau.

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