Theo Albrecht : Der Erfinder des Discounts ist tot

Einer der beiden Gründer des Lebensmittel-Discounters Aldi, Theo Albrecht, ist im Alter von 88 Jahren gestorben. Albrecht, der die Öffentlichkeit stets mied, wurde bereits im engsten Familienkreis beigesetzt.

David C. Lerch
Am 17. Dezember 1971, kurz nach seiner Entführung, ließ sich Theo Albrecht in einem Fenster seines Hauses in Essen einmal fotografieren. Danach nie wieder. Er lebte unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Foto: Roland Scheidemann/dpa
Am 17. Dezember 1971, kurz nach seiner Entführung, ließ sich Theo Albrecht in einem Fenster seines Hauses in Essen einmal...Foto: dpa

Düsseldorf - Bis zuletzt folgte die Familie Albrecht dem Willen des Patriarchen: Keine Öffentlichkeit. Kein Wort sickerte durch. Dabei wird das Ereignis vom vergangenen Samstag die Discounterkette Aldi nachhaltig verändern. An diesem Tag, so wurde nun bekannt, verstarb Theodor Albrecht, einer der beiden Gründer des Unternehmens, im Alter von 88 Jahren in Essen. Am Mittwochmorgen wurde er im Familienkreis beigesetzt. Erst danach verschickte der Konzern ein kurzes Fax. „Aldi trauert um einen Menschen, der gegenüber seinen Geschäftspartnern und Mitarbeitern bescheiden auftrat und sie immer mit großem Respekt behandelte“, heißt es dort.

Es ist das Ende einer Ära, nicht nur für Aldi. Denn zusammen mit seinem heute 90 Jahre alten Bruder Karl hat Theo Albrecht in den vergangenen Jahrzehnten einen weitverzweigten Konzern geschaffen, der auch das Konsumverhalten der Deutschen nachhaltig veränderte.

Die reichsten Deutschen
Die reichsten Deutschen

1946 übernahmen die Brüder einen kleinen Lebensmittelladen in Essen, mit dem sich die Mutter zuvor ein bescheidenes Zubrot verdiente. Weil der Vater nicht mehr als Bergmann arbeiten konnte, baute die Familie weitere Geschäfte auf und expandierte. Ab 1962 trennten sich die Brüder: Karl konzentrierte sich auf Süddeutschland, Theo auf den Norden und später auch auf die neuen Bundesländer im Osten.

Seither verläuft der Aldi-Äquator quer durch Hessen und Nordrhein-Westfalen. Aus dem kleinen Lädchen wurde ein globaler Konzern. Heute betreibt Aldi in Deutschland 4400 Filialen. „90 Prozent aller Deutschen kaufen bei Aldi ein“, sagt Wolfgang Twardawa von der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK). Und nicht nur das: Weltweit arbeiten für Aldi rund 170 000 Mitarbeiter in 18 Ländern.

Die Erfolgsgeschichte der Gebrüder Albrecht basiert auf dem englischen Wort discount (übersetzt: Rabatt) und einer vermeintlich einfachen Formel: niedrige Preisen für wenige Produkte. Bis heute bietet Aldi (abgekürzt für: Albrechts Discount) ein überschaubares Sortiment an Lebensmitteln und Haushaltswaren, verzichtet auf umfangreiches Marketing und schön gestaltete Filialen. Mit diesem Konzept, das später von Lidl, Penny und anderen kopiert wurde, konnten vor allem die Lagerkosten immer weiter gesenkt werden und damit die Preise für die Kunden. Der GfK zufolge bezahlen deutsche Verbraucher wegen der vielen Discounter europaweit am wenigsten für Lebensmittel. „Aldi hat maßgeblichen Anteil daran, dass Deutschland als ein Volk der Schnäppchenjäger gilt“, sagt Twardawa.

Auch der Handelsverband betonte am Mittwoch die Bedeutung von Aldi. Theo Albrecht sei einer der wenigen Menschen gewesen, die einen ganzen Wirtschaftszweig geprägt hätten, erklärte HDE-Geschäftsführer Stefan Genth, „eine der prägendsten deutschen Unternehmerpersönlichkeiten“. Auch die Konkurrenten Lidl und Rewe würdigten die Lebensleistung des Verstorbenen.

Kontroverser wurde die Rolle von Aldi am Mittwoch in einigen Internetforen diskutiert. „Bei der Ausbeutung von Mitarbeitern hat man neue Standards gesetzt. Man hat die Schattenseiten des Kapitalismus zum Normalzustand gemacht“, lautete ein Eintrag. Aldi „habe vielen Menschen eine Menge Geld sparen helfen“, hieß es in einem anderen.

Unstrittig ist, dass sich der Aufstieg von Aldi für seine Gründer auszahlte. Der verstorbene Theo Albrecht gilt laut der aktuellen Liste des Forbes- Magazins mit einem Vermögen von 12,8 Milliarden Euro als drittreichster Deutscher – hinter seinem Bruder Karl und dem Versandhändler Michael Otto. Beide Albrechts haben ihr Vermögen in Stiftungen angelegt.

Ansonsten weiß man sehr wenig über Theo Albrecht. Er entzog sich bewusst der Öffentlichkeit und machte aus seinem Leben ein so großes Geheimnis, dass bis heute nicht einmal sein genauer Geburtstag bekannt ist. In der Verschwiegenheit war sich Theo mit seinem Bruder einig. Von wohl kaum einem anderen Unternehmensgründer ist so wenig öffentlich wie von den Aldi-Brüdern. Die letzten Zitate der beiden stammen aus den Jahren 1953 und 1971, die letzten Bilder wurden – gegen ihren Willen – in den 80er Jahren aufgenommen.

Entscheidend für das zurückgezogene Leben von Theo Albrecht war wohl seine Entführung im Jahr 1971. Erst nach 17 Tagen und Zahlung eines Lösegelds von sieben Millionen Mark wurde er wieder freigelassen. Die Täter, ein Rechtsanwalt mit Spielschulden und ein vorbestrafter Tresorknacker, wurden wenig später gefasst und zu langen Haftstrafen verurteilt. Ein Großteil des Lösegeldes, das damals ein Bischof übergeben hatte, ist nie gefunden worden. Wenige Jahre später erregte der Fall noch einmal Aufsehen, weil Albrecht vor Gericht dafür klagte, das Lösegeld steuerlich absetzen zu können.

Seit jenen Tagen dringt nur wenig aus dem Aldi-Reich nach außen, besonders was die Unternehmensführung von Theo Albrecht angeht. Immer wieder wurde er als penibel und äußerst sparsam beschrieben. Einmal, so heißt es, soll er einen regionalen Geschäftsführer angeraunzt haben, weil der während eines Gesprächs Firmeneigentum zerstörte: Er verbog eine Büroklammer.

Bis vor drei Jahren – im Alter von 85 – soll Albrecht noch jede Sitzung in der Chefetage von Aldi Nord selbst geleitet haben. Erst als es ihm gesundheitlich schlechter ging, besonders nach einem schweren Sturz im vergangenen Jahr, zog er sich zurück. Seit 2007 führt Albrechts Vertrauter, der Manager Hartmuth Wiesemann, die Geschäfte. Er hat schwere Aufgaben vor sich. Seit einigen Jahren schrumpfen die Marktanteile von Aldi, auch weil die Gegenspieler immer weiter expandieren. Erst vor kurzem verkündete Aldi den Rückzug aus Griechenland. So etwas gab es noch nie.

Theo Albrecht hinterlässt seine Frau Cäcille und die Söhne Theo junior und Berthold, die bei Aldi Nord arbeiten, jedoch in keiner hohen Position.

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