Wirtschaft : Theodor Uhl

Geb. 1941

Kirsten Wenzel

Spätestens am ersten Feiertag zeigte er sein zweites Gesicht. Jedes Jahr zu Weihnachten kam der weltgewandte Bruder aus Brüssel zu Besuch und verbrachte die Feiertage bei der Familie der kleinen Schwester in Zehlendorf. Schon am Flughafen fiel er auf: das spärliche Haar sorgfältig frisiert, die Fingernägel manikürt, der Anzug teuer. Und wenn der Gast den Koffer in der Halle vom Förderband hob, dann wusste die ganze Familie, dass der auch diesmal wieder voll erlesener Geschenke war.

Der Baum fürs Fest stand schon im Wohnzimmer, das Schmücken jedoch blieb Theo vorbehalten. Auf seinen Geschmack konnte man sich verlassen, elegante Blumenarrangements hießen in der Brüsseler Übersetzerszene einfach „Theo-Sträuße“. Das Feine, die Zwischentöne, das Elegante, das Übersetzen: Französisch-Deutsch und Deutsch-Französisch, das war sein Metier. Vor dem Heiligen Abend war es die Sache der Schwester, den Fisch zu braten, während Theo den Kartoffelsalat bereitete, natürlich ohne Majonäse. Vom Essen verstand er etwas, wie überhaupt vom guten Leben – er lebte vom stattlichen Gehalt eines Beamten der Europäischen Union im Gourmetparadies Brüssel.

Durch ihren Bruder Theo hatte die Schwester schon in den siebziger Jahren die Welt der Feinschmeckerlokale kennen gelernt, mit ihm hat sie ihren ersten Champagner getrunken – auf der Grande Plâce. Er war neun Jahre älter als sie. Nach der Schulzeit in Schöneberg war er rasch zum Studieren ins Rheinland abgereist, raus aus der familiären Enge. Sein Geist funkelte heller als der der meisten anderen. Darauf bestand er. Theo war eloquent, belesen, interessiert. Auch seine Freunde, die Übersetzerkollegen in Brüssel, gaben es unumwunden zu: „Intellektuell ist er uns weit überlegen.“ Seine Kritik der Aufführungen bei den Festspielen von Salzburg, Pesaro, Glyndebourne, Aix-en-Provence: anregend und gefürchtet. Wie er den Mortier auseinander genommen hat! Die Musik, die Regie, das Dekor – Theo war sich seiner Position sicher, so sicher, dass niemand gerne widersprach.

Liebenswürdig konnte er sein. Höflich, aufmerksam, sensibel. Dafür mochte man ihn, besonders die Frauen. Er selbst hielt Abstand, zuweilen mischte sich ein Hauch Verachtung hinein, für das Weibliche als solches. Er blieb allein, sein Leben lang. Schloss für seine zwei Patenkinder Ausbildungsversicherungen ab. Lebte in einer mit viel Geschmack und Geld eingerichteten Wohnung in der Avenue L’Yser. Ein paar Antiquitäten, ein bisschen was Modernes, im siebten Stock mit Wintergarten. Dazu der Kulturkalender an seinem Büroschrank, eine Liste, in die er alle Veranstaltungen eintrug, die er besuchen wollte. Mancher Monat war schon lange vorher komplett verplant – ein gutes Zeichen: kein Abend allein zu Hause.

Wenn in Berlin der Heilige Abend fortgeschritten war, spätestens aber am ersten Feiertag, wenn die Eltern zu Besuch kamen, alte Leutchen inzwischen, ein Polizeibeamter und eine Hausfrau von der Roten Insel in Schöneberg, zeigte Theo sein zweites Gesicht. Dann lag er mit Kopfhörern auf den Teppich, hörte Lieder von Gustav Mahler, füllte und leerte sein Wein- oder Whiskyglas Zug um Zug. Schwamm weg im Weltschmerz, ganz nach Mahlers Vertonung von Friedrich Rückerts Gedicht „Ich bin der Welt abhanden gekommen“. Am nächsten Morgen saß er in der Küche, zitternd, das Gesicht mit einem Schweißfilm überzogen, und sagte zur Schwester: „Ich brauch was.“ Sie hatte die Flaschen im Haus versteckt. Doch sollte sie ihn so dasitzen lassen?

Ich hasse Mahler, sagt die Schwester. Woher nur der Weltschmerz? Warum war das Leben für ihn so – ja, unerträglich? Er hatte doch alles: Bildung, Anerkennung, Geld. Und doch wurde es von Jahr zu Jahr schlimmer, und die Familie der Schwester begann, sich vor den Weihnachtsfesten mit Onkel Theo zu fürchten.

„Was willst du? Mit 50 spring ich ja doch vom Balkon. Dann bist du mich los“, sagte er, wenn die Schwester weinte. Dabei hat er einmal sogar den Entzug geschafft. 1992 war das, nach drei Wochen war er aus dem Schlimmsten raus, ging mit seinem Neffen, seinem „Murkelchen“ ins Weihnachtsballett und blieb dann fünf Jahre trocken. Doch als Leistung wollte er das nicht gesehen haben, verbat sich das Lob der anderen, so wie er vorher das Trinken heruntergespielt hatte: „Was ist schon dabei? Natürlich geht das. Ich hab doch einen starken Willen.“

Was ihm wirklich fehlte, hat er nie gesagt. Er war schon als junger Mann verschlossen und immer so kategorisch. Brach Freundschaften plötzlich ab, ohne dass es sich der andere erklären konnte. Der Liebe hat er ganz abgeschworen, nach nur einem gescheiterten Versuch. Das war in der Studentenzeit. In den Jahren dann, als er trocken war, hat er sich eine noch größere Eigentumswohnung in Brüssel gekauft und noch schöner als die vorige eingerichtet. Was ihn aber nicht hinderte, wieder mit dem Trinken anzufangen. Die neue Wohnung hatte einen wunderbaren Blick auf einen Park. Plötzlich sollten genau da Wohnklötze hingebaut werden. Dagegen kämpfte er, gründete mit seinen Nachbarn eine Bürgerinitiative, bezahlte teure Rechtsanwälte. Als die Wohnblocks schließlich gebaut wurden, da trank er noch viel mehr.

Wenn du wieder Weihnachten kommen willst, sagte seine Schwester im letzten Jahr, dann musst du im Hotel schlafen. Dann komme ich eben nicht, hat er gesagt. Zum Schluss, berichten die Brüsseler Freunde, erkannte man ihn nicht, wenn er die Haustür öffnete. Der Bart wuchs grau und ungepflegt, die Haare strähnig, das Hemd voller Flecken. Seine belgische Zugehfrau, die seit 30 Jahren für ihn arbeitete, sagte: Monsieur Uhl, diese Flaschen, überall in der Wohnung! Wenn das nicht besser wird, komme ich nicht mehr. Als sie nach Ostern doch wieder kam, war sie erfreut. Im Flur keine einzige Flasche. Endlich, dachte die alte Dame, er ist ein wenig zur Vernunft gekommen. Im Schlafzimmer hat sie ihn gefunden.

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